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Trinity - #03

Hier geht's nun wie folgt weiter:

 

Die Delegation nebst sämtlicher am Boden befindlicher Besatzungsmitglieder (mit Ausnahme von Suval natürlich) kehren aufs Schiff zurück. Von dort aus kann nach allen Regeln der diplomatischen Kunst versucht werden, die Lage zu klären - Rücksprache mit dem Oberkommando etc. Zeitgleich darf die Sicherheitsabteilung gern einen Plan entwickeln, wie die Situation abseits der Diplomatie gelöst werden kann - zum Einsatz selbst soll es erstmal aber nicht kommen.

Alles weitere folgt in den Logs.

SD 2417.201, 13:00 Uhr, USS Iowa, Transporterraum

 

In der großen Halle auf Tzenkethi Prime hatte Talera den Blickkontakt zu Mancuso gesucht und während des Beamvorgangs gehalten. Sollte sie telepathisch nicht der Lage sein zu spüren, was im Sicherheitschef vorging, gab er sich freundlicherweise keine Mühe zu verbergen, welcher Vulkan in ihm kurz vor der Eruption stand.

Der Rematerialisationseffekt war noch nicht abgeklungen, als er ziemlich laut und ziemlich rüde angesprochen wurde.

„Bericht, Mancuso, wo ist der Captain und welche Scheiße ist da unten passiert?“, donnerte Momoa mit einer sehr beeindruckenden Stimme los. Unwillkürlich wich der Chief zurück und kam deswegen ins Stolpern.

„Die Tzenkethi haben sie gefangen genommen, Sir.“

Man sah Momoa an, dass er sich sehr beherrschen musste. Seine Magmakammer war offenbar auch sehr gut gefüllt. Er atmete zweimal tief ein und wieder aus.

Die kurze Kunstpause nutzten die Mitglieder des Sicherheitsteams und das Botschaftspersonal mit Ausnahme von Talera, den Transporterraum fluchtartig zu verlassen.

„Gut, ich stell die Frage anders, Master Chief: Wieso leben die Tzenkethi noch, die unseren Captain haben? Wieso ist der Captain nicht hier? Sie waren zu Ihrem verdammten Schutz da unten eingeteilt!“

Mancuso öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder, ohne etwas anders zu sagen, außer „Sir“.

„Ich warte immer noch auf eine Erklärung? Ansonsten werde ich Sie wegen Pflichtvergessenheit in den Arrest werfen, oder am besten gleich wegen Feigheit vor dem Feind.“

 

Das saß. Mancuso ließ sich als vieles bezeichnen. Aber feige war definitiv der Punkt, an die rote Linie überschritten war. Er baute sich vor Momoa auf, das heißt, er versuchte es. Jemanden durch Körperlichkeit zu beeindrucken, der gut einen Kopf größer war als man selbst, gelang einfach nicht. Trotzdem blieben die geballten Fäuste und der Gesichtsausdruck zum Granitbrechen nicht unbemerkt.

„Was soll das werden? Tätlicher Angriff auf einen Vorgesetzten? Wo war denn dieser Mut unten auf diesem Kackplaneten voller Spinner?“

 

„Commander“, mischte sich die Botschafterin ein, „es besteht gar kein Grund für diese emotionale Reaktion. Master Chief Mancuso hat absolut korrekt gehandelt. Ich bestätige Ihnen das. Oder wollen Sie meinen Worten nicht glauben?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sich die Vulkanierin um und verschwand mit einem sehr dramatischen Abgang. Selbst der rauschende und glitzernde Stoff ihrer Kleidung unterstützte die Gesamtkomposition. Damit waren Erster Offizier und Sicherheitschef allein.

 

„Was meint Ihre Mutti denn damit?“ fragte Momoa. Beziehungsweise wollte er fragen, denn nach dem Wort Mutti wurde er rüde von einer Faust unterbrochen, die auf seinen Kiefer hämmerte.

 

Beteiligte Charaktere: Momoa, Talera

 

 

SD 2417.201, 13:15 Uhr, USS Iowa, Quartier der Botschafterin

 

„Stellen Sie eine Konferenzschaltung mit den beiden anderen Botschaftern her“, befahl Talera übergangslos beim Betreten ihrer Räumlichkeiten. Mit einem bestätigenden Kopfnicken stellte sie fest, dass die Adjutanten aller drei Botschafter diese Konferenz erahnt und vorbereitet hatten.

Botschafter Aehkhifv tr’Liun lächelte und Botschafter Morok aus dem Hause Kamorrha schaute grimmig in die Kamera.

„Ich denke, wir sind uns einig, dass das Verhalten der Tzenkethi absolut indiskutabel ist.“ Talera eröffnete.

„Captain Suval ist ganz allein Ihr Problem, Botschafterin, und …“ – „Verzeih, Aehkhifv, wenn ich Dich unterbreche, aber ich spreche von dieser Rechnung.“

Die drei Botschafter kannten sich seit Jahren. Sie hatten quasi gemeinsam im diplomatischen Dienst Karriere gemacht, auch wenn unter unterschiedlichen Postleitzahlen. Es war also eines von diesen Gesprächen.

„Du überraschst mich immer noch“, gestand der Rihannsu ein. „Aber in dem Fall sind wir Deiner Meinung. Nicht wahr, Morok?“ – „Ich würde diesem Kanzler am liebsten die Eingeweide rausschneiden und…“ – „Stört es Dich, wenn ich versuche, nebenbei etwas zu essen und bei mir zu behalten?“ – „Empfindliches Spitzohr!“ – „Unkultivierter Barbar!“ – „Könntet Ihr das bitte lassen? Wir haben einiges in die richtigen Bahnen zu lenken.“

Beide Botschafter schauten etwas konsterniert. „Entschuldigung. Wenn man sein Image lang genug spielt…“

Tr’Luin zwinkerte ihm zu. „Also ich bin mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet und habe das Recht, diesen Blödsinn sofort zurückzuweisen. Für eine Kriegserklärung müsste ich Rücksprache halten.“ – „Ebenso. Allerdings ist der Kommandant des Schiffes, Garok, ziemlich erpicht darauf, klingonische Dinge zu tun, wenn Ihr versteht.“ – „Völlig“, bestätigte Talera, „wie können wir das in sinnvolle Bahnen lenken?“ – „Ich hätte da eine Idee, aber es stehen zwei Probleme im Raum. Erstens wird es bestimmt sehr schwer, t'Riuurren davon zu überzeugen und zweitens, Talera, Du schuldest mir dann etwas.“

Der Rihannsu lächelte verschlagen hinter seinen Händen, die er – Fingerspitzen aneinander gepresst, Zeigefinger an der Nase, Daumen am Kinn – dramatisch einsetzte.

 

Beteiligte Charaktere: Momoa, Talera, Morok aus dem Hause Kamorrha (kling. Botschafter), Aehkhifv tr’Liun (rihann. Botschafter)

 

 

SD 2417.201, 13:45 Uhr, USS Iowa, Brücke

 

„Alarmstufe Rot! Lassen Sie alle Jäger starten. Volle Gefechtsbereitschaft“, befahl Momoa mit voller Stimme, hielt sich aber dann den Kiefer. Eine Stelle über seinem Auge war geschwollen und intensiv rot. Der Rest der Brückencrew nahm das zur Kenntnis, hütete sich aber, den Blick auf Momoas Dellen zu lassen oder gar danach zu Fragen.

„Beide Alarmstaffeln im All. Die beiden Bereitschaftsstaffeln folgen in zwei Minuten, die drei Freiwachen in fünf, die Reserve in zehn“, meldete Oliphant von der taktischen Station.

„Sagen Sie dem CAG, ich will die Reserve auch in fünf Minuten!“ – „Aye, Sir.“

 

Zum ersten Mal seit der Installation des neuen Moduls konnte die Crew der Iowa in der Realität bewundern, womit sie ausgestattet worden war. Vierundzwanzig Jäger, jeweils zwölf auf der Steuerbord und zwölf auf der Backbordseite wurden mit gut achtzig Metern pro Sekunde Endgeschwindigkeit aus den Startröhren geschleudert. Dies überlebte man nur mit einem richtig guten Trägheitsdämpfer. Die beiden Staffeln ordneten sich in Form eines Zugvogelschwarms auf ihren Seiten neben der Iowa an.

 

„Mancuso auf die Brücke“, befahl Momoa vom Sessel des Kommandanten aus. Er hämmerte auf das Display, schloss so den Kanal auf dramatische Weise.

Mancuso betrat nach wenigen Sekunden die Brücke, er war bestimmt schon im Turbolift auf dem Weg gewesen. Er war auch gezeichnet. Die Nase dick, vermutlich gebrochen, dazu kam ziemlich übles Zahnfleischbluten, was sein Lächeln nun völlig ins Surreale abdriften ließ.

„Sir, wie befohlen“, meldete er sich. – „Ich will ein Einsatzteam, bis an die Zähne bewaffnet, um den Captain rauszuholen.“ – „Ich habe achtzig Leute in Einsatzbereitschaft in den Transporterräumen. Mehr ist nicht drin, ohne die innere Sicherheit des Schiffes zu riskieren.“ – „Alles klar, bereithalten!“

 

Mittlerweile waren tatsächlich alles sechsundneunzig Jäger gestartet und hatten fast ihre Formation bezogen.

„Chief, darf ich Sie etwas fragen“, sprach ihn Medeba an. Der Sulamide hatte derzeit nicht viel zu tun, seine Sensoren wurden von der Operationsplanung und der Taktik blockiert.

„Was?“ – „Genau, was ist mit Ihrem Gesicht passiert?“ – „Bin gegen eine Tür gelaufen.“ – „Und Commander Momoa?“ – „Auch, aber von der anderen Seite.“

 

Beteiligte Charaktere: Momoa, Medeba, Oliphant

 

 

SD 2417.201, 13:50 Uhr, Tzenkethi Prime, Hauptstadt

 

„Nasen in den Dreck, Bilder machen, nicht schießen.“ – „Wie ‚nicht schießen‘?“ – „So lautet der Befehl. Dies ist eine Aufklärungsmission. Wir erkunden die feindlichen Stellungen, sammeln taktische Informationen und liefern sie gesund und munter auf der Iowa ab.“ – „Warum wir?“ – „Weil wir nah genug herankommen, um das Dämpfungsfeld zu durchstoßen und vielleicht schießt der eine oder andere auf Nacho, und verrät so seine Stellung.“ –„Bitte?“, begann Nacho sich zu beschweren.

„Klappe. Alle haben Ihre Kursdaten im Computer. Weicht nur davon ab, wenn es nicht anders geht. Beschuss oder Geographie. Klar?“

 

Die Piloten bestätigten dem CAG ihre Befehle.

„Dann los. Gute Jagd!“

 

Wie auf ein Kommando stürzten sich die Jäger aus dem Orbit. Der Eintritt in die Atmosphäre war kurz und heftig, aber lang genug, um die Atmosphärenkonfiguration der Jäger einzustellen. Mit achtfacher Schallgeschwindigkeit donnerten die Maschinen in Richtung Hauptstadt, scannten und zeichneten auf.

Tatsächlich gab es anfangs mehrere Alarme, dass einzelne Maschinen von aktiven Sensoren erfasst worden waren. Die Positionen der Sender, ob tatsächlich nur Überwachung oder Zielerfassung von Abfangraketen, wurden gespeichert und für einen Angriff markiert. Nach einigen Minuten schienen die Tzenkethi aber zu begreifen, dass hier kein Krieg begonnen wurde, sondern sie ausspioniert werden sollten. Offenbar hatte einer der Kommandanten befohlen, jede aktive Peilung einzustellen, denn die Alarme hörten schlagartig auf. Es stiegen auch keine Abfangjäger oder ähnliches auf.

 

Beteiligte Charaktere: Piloten

 

SD 2417.201, 13:53 Uhr, USS Iowa, Brücke

 

„Was glauben Sie eigentlich, was Sie da tun, Commander?“ Talera tauchte wie eine Furie auf der Brücke auf.

„Aufklärung“, stellte der derzeitige Kommandant einsilbig fest.

„Hören Sie auf damit!“ – „Das ist klar eine militärische Situation. Und hier haben Sie keinerlei Kompetenz, Frau Botschafterin.“ – „Sie eskalieren unnötigerweise einen Konflikt.“ – „Bitte? Die haben unseren Captain!“ – „Und diese Aktion bringt sie nicht zurück. Ahnen Sie ansatzweise, wie schwer es war, die Klingonen und Rihannsu abzuhalten, Ihre aggressive Art nicht mit einer Breitseite zu beantworten? Aus Gründen, die ich nicht kenne, mag Garok sie, aber t'Riuurren würde die Iowa nur zu gern pulverisieren.“ – „Soll Sie es versuchen…“ – „Tut Sie aber nicht. Rufen Sie die Jäger zurück.“ – „Auf keinen Fall. Ich habe hier das Kommando. Dies ist eindeutig eine militärische Lage…“

Ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, sprach die Vulkanierin den Sicherheitschef an. „Chief Mancuso?“

„Ma’am?“ fragte dieser irritiert.

„Wie lautete der Befehl von Captain Suval?“

Mancuso kniff die Augen zusammen. „Ich bin mir nicht ganz sicher, was Sie meinen, Botschafterin.“

„Welchen Befehl erteilte Captain Suval in der großen Halle auf Tzenkethi Prime, während hunderte Waffen auf sie gerichtet waren.“ – „Sie sagte: ‚ Chief, keine Interventionen. Sorgen Sie dafür, dass alle an Bord zurück kehren und informieren Sie Commander Momoa!‘ – „Danke, Chief. Commander, wie stehen Sie zu diesem Befehl?“

Momoa kniff die Augen zusammen und bedachte Mancuso mit einem „Sie hätten mir das sagen müssen!“ – Blick.

„Holen Sie die Jäger zurück.“

 

Kurz nachdem alle Jäger gelandet waren, leuchtete die taktische Konsole auf wie ein Weihnachtsbaum.

„Waffenaktivierung Tzenkethischlächter und Syzygy! Beide haben uns im Visier.“ Toni Bretano schien vor einem Herzinfarkt zu stehen.

„Lassen Sie die Jäger wieder….“ – „Moment, Sir, die Zielerfassung ändert sich. Beide erfassen neue Ziele.“ – „Wo? Und Was?“ – „Planetare Oberfläche. Vermutete Geschützstellungen, Kasernen, Verwaltung, Infrastruktur. Sie folgen quasi unserem Muster.

 

Momoa schaute ein wenig beeindruckt zu Talera.

 

Beteiligte Charaktere: Momoa, Talera, Bretano

 

"Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, mit Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeidrucken, die wir hassen." - Tyler Durden (Fight Club)

SD 2417.201, 13:00 Uhr, USS Iowa, Blue Berry Bar

Ein Schiff.
Ein Schiff? Was ist ein Schiff?
Es ist ein Hilfsmittel, das es in alten wie in neuen Zeiten dem Menschen ermöglicht, sich in feindliche Umgebungen hinaus zu wagen, sei es aufs Wasser oder in den freien Raum.
Idealerweise nimmt der Mensch einen Teil seiner gewohnten Umgebung mit sich. Das gibt ihm Rückhalt und Sicherheit, Geborgenheit, in die er sich im Notfall immer zurückziehen kann. Das Schiff wird sorgsam gepflegt, ist es doch da draußen, wo auch immer draußen ist, seine einzige Heimat und Garant für sichere Heimkehr.
Ein Schiff ist ein Mikrokosmos, eine kleine Welt für sich. Besiedelt mit Besatzungsmitgliedern, die notgedrungen wegen des begrenzt vorhandenen Raums ziemlich beengt leben müssen. Wollen.
Nachdem festgestellt wurde, wie sich die Effizienz einer Besatzung erhöhen ließ, wurde ein neues Konzept bei der Gestaltung der Schiffe umgesetzt. Der Besatzung wurde forthin zusätzlich zu anderen Maßnahmen genügend Raum angeboten. Es gab reichlich Einzelkabinen auf der Iowa, wenn auch relativ kleine, für diejenigen, die nicht in Zweierquartieren untergebracht werden wollten. Auch konnten jederzeit Quartiere getauscht werden. Und den Belegungen der Zweierkabinen half ein klug gestalteter Schichtplan, um auch befreundeten Crewmitgliedern ein Mindestmaß an Privatsphäre zu ermöglichen. Denn zu viel Nähe oder gar Unterschreiten der Fluchtdistanz ohne Ausweichmöglichkeit schafft Unruhe, Gereiztheit bis hin zu Gewaltausbrüchen. Und so etwas ist nicht förderlich für das Funktionieren eines Schiffs. Aber es gibt auch Zeiten, in denen die Crew freiwillig enger zusammenrückt, notfalls bis an die Belastungsgrenze.
Und für die Iowa, diesen Mikrokosmos in überaus feindlichem Gebiet, war die Belastungsgrenze erreicht.

Irini stand hinter ihrem Tresen und hatte alle Hände voll zu tun. Die Sushibox war schon wieder geleert und vor ihr auf der polierten Platte drängelten sich die leeren Gläser. Sie wünschte sich momentan noch drei weitere Armpaare und beneidete Medeba wegen seiner motorischen Vorteile. Ein Seufzen drängte über ihre Lippen und sie wirkte etwas gestresst. Nichts desto trotz strahlte sie ihre Kunden weiterhin freundlich an, während sie das Gewünschte im Sekundentakt in Reichweite wartender Hände schob. Die Replikatoren in der Bar waren ebenso umlagert und glühten fast schon. Jeder wollte etwas essen oder trinken. Auch das Equipment war an der Grenze des Möglichen angelangt, obwohl vor dem Start reichlich nachgerüstet worden war.

Das Lächeln im Gesicht der Elaurianerin erstarb schlagartig und machte einer schmerzverzerrten Grimasse Platz. Irini schlug die Hände an ihren Kopf, stöhnte mit ersterbender Stimme „Nein“ und sank hinter dem Tresen auf die Knie. Sofort sprangen mehrere Hilfsbereite hinzu und verklemmten sich im Durchgang hinter den Tresen. Einer besonders schlanker Crewman schaffte es schließlich, sich aus dem Pulk zu lösen und berührte die Elaurianerin an der Schulter. Wie von einem elektrischen Schlag getroffen zuckte seine Hand zurück und er blickte ratlos in die Runde.
„Ruft die Krankenstation“ war sein einziger Kommentar.

Die Elaurianerin sah und hörte nichts. Ihre komplette biologische Sensorik war wie ausgeschaltet. Überlastet durch einen grellen weißen Blitz, der dem einer totalen Annihilation in nichts nachstand und ihren gesamten mentalen Äther ausfüllte. Dieser brutale Überfall ereilte sie in demselben Augenblick, in dem die Delegation zurück an Bord kam.
Nach einigen Sekunden schrumpfte die sengende Helligkeit und zog sich etwas zurück. Schließlich teilte sich die überwältigende Emanation und gab einen zusätzlichen, aber rötlichen Wirbel und ein blaues Band frei, ähnlich den irdischen Nordlichtern.
Nun konnte Irini endlich wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen, wenngleich dieser Vorgang mit immensen Schmerzen verbunden war. Und sie war in der Lage, die Emanationen zuzuordnen. Soeben war sie Zeugin eines hemmungslosen Ausbruchs mentaler Energie geworden, der wie eine Explosion durch das Schiff tobte und dessen Quelle eine heftige Auseinandersetzung zwischen Mancuso und Momoa war. Das blaue Band stammte von der Botschafterin, die sich mit aller Kraft bemühte, die emotionale Kontrolle zu behalten und der es sicher wahnsinnig peinlich war, dass ihre Abschirmung derartig durchlässig geworden war.
‚Die Delegation ist zurück und es hat offenbar einen gravierenden Zwischenfall gegeben, der sogar die Botschafterin aus dem Gleichgewicht gebracht hat‘ schoss es Irini durch den Kopf.
Ihr Gesichtsfeld klärte sich wieder, obwohl die Schmerzen immer noch durch ihr Hirn tobten. Sie nahm die Umstehenden wieder wahr, die es nicht wagten, die Elaurianerin zu berühren. Sie lächelte ihnen verhalten zu und rappelte sich wieder auf.
Sich an der Tischkante festhaltend schlich sie hinter dem Tresen hervor und versicherte den Umstehenden, dass alles in Ordnung sei und sie nur etwas Ruhe brauche. Ihr bleiches Gesicht strafte diese Aussage jedoch Lügen. Viele verwirrte Blicke folgten ihr, als sie die Bar verließ und sich auf den endlos langen Weg in ihr Quartier machte. Sie hoffte, mit einer intensiven Meditation des Chaos in ihrem Geist Herr zu werden. Bevor die Bartür sich endgültig schloss, quoll aufbrandendes Stimmengewirr durch den Spalt.

SD 2417.201, 13:45 Uhr, USS Iowa, überall auf dem Schiff 

„Hast du schon gehört…?“ war mit Abstand die am meisten gestellte Frage in den vergangenen 45 Minuten.
Nirgends verbreiten sich Gerüchte und Neuigkeiten so schnell, wie auf einem Schiff. Der Subraumfunk ist dagegen eine Schneckenpost.
Die Quelle der Nachricht war im Nachhinein nicht mehr auszumachen, es schien aber nicht nur eine davon zu geben, denn nach kurzer Zeit kam als Antwort auf diese Frage: „Ja.“

Die Reaktion der Crew auf dieses Ereignis war zweigeteilt: Die neuen Besatzungsmitglieder, die vor 9 Jahren nicht dabei gewesen waren, schalteten sofort mental auf kriegerischen Bereitschaftsmodus. Die Erfahrenen, denen der tzenkethische Schrecken teilweise immer noch in den Knochen saß oder im Hirn herumgeisterte, zogen sorgenvoll die Stirn in Falten. Auch sie schalteten auf Bereitschaftsmodus, erlaubten sich aber je nach Mentalität, eine gehörige Portion Wut dazu zu packen. Keiner griff sich so einfach ein Mitglied der Iowa-Besatzung und kam ungestraft davon. Sie waren sicher, dass das Problem gelöst wurde und sie würden erneut dafür geben, was sie konnten.
So sahen sie dann mit grimmiger Freude zu, wie die Jägerstaffeln aus den Startröhren gespien wurden und sich zu beiden Seiten des Schiffs sammelten. Und noch grimmiger wurde das Lächeln, als die Jäger wie ein Hornissenschwarm auf den Planeten zustürzten. Ja, da wurde schon an der Lösung gearbeitet.

SD 2417.201, 20:00 Uhr, USS Iowa, Irinis Quartier

Nach stundenlanger Meditation erhob sich die Elaurianerin von ihrem Meditationskissen. Sie reckte die steifen Glieder und bemerkte, dass sie die Versenkung nicht sehr erfrischt hatte. Wie soll das auch möglich sein, bei solch einem katastrophalen Ereignis. Sie fühlte sich, als wäre ihr die Seele herausgerissen worden. Der Körper funktionierte noch, aber das Fehlen der Seele, die alles zusammenhielt, sorgte für ein deutliches Verlustgefühl. Und genau so erging es auch der Mannschaft, die dank Training und Disziplin auch ohne Captain in der Lage war, zu funktionieren. Aber der Captain ist die Seele, die alles zusammenhält. Ganz besonders auf diesem Schiff. Und Irini war sicher, die Mannschaft würde alles dafür geben, sich ihre Seele zurück zu holen.

Irini seufzte erneut. Wie oft hatte sie das an diesem Tag wohl schon getan?
Sie wusste es nicht. Und es würde auch nicht das letzte Mal gewesen sein.
Nun machte sie sich auf zu Suvals Quartier, um nach Arrhae zu sehen. Die Katze würde mittlerweile Hunger haben und etwas Trost konnte auch nicht schaden. Außerdem liebte Irini es, mit dem Pelztier zu kuscheln. Es beruhigte sie und das hatte sie heute mehr als nötig.
Die Elaurianerin tippte den Öffnungscode ein und nahm die hinter der sich öffnenden Tür lauernde Katze auf den Arm, die sich schnurrend an die Besucherin schmiegte.

SD 2417.201, 13:35 Uhr, Tzenkethi Prime, im Keller des Regierungspalastes

Vornüber gebeugt, die Ellenbogen auf den Knien abgestützt und die Hände gefaltet, saß sie auf der schmalen Bank. Die weiße Uniformjacke lag ordentlich zusammengefaltet neben ihr - selbstverständlich ohne Kommunikator, den man ihr zuvor abgenommen hatte - und atmete ruhig und gleichmäßig.

Es war keine Stunde her, seitdem die schwere, antiquiert wirkende Gittertür ins Schloss gefallen war und die sie hierhin begleitenden Wachen das Weite gesucht hatten. Seitdem war sie allein gewesen - ganz offensichtlich hatte Mancuso ihren Befehl zur Rückkehr auf das Schiff befolgt, um einer weiteren Eskalation vorzubeugen. Die Kommandantin hatte indes gemutmaßt, wie die Reaktion ihres Ersten Offiziers ausfallen würde - auf keinen Fall so, wie es gegenwärtig im Orbit geschah - und welche Schritte er nun gedachte einzuleiten. Da die Iowa in offizieller diplomatischer Mission unterwegs war und Botschafterin Talera unter Garantie nicht an einer Verschlimmerung der Situation interessiert sein würde, beschränkte sich jedoch die Wahl der Mittel, an der Situation etwas zu ändern, weitgehend durch die einschlägigen Protokolle - die der ehemalige Marine allerdings bekanntermaßen gern anders interpretierte, indem er sich an Vorgehensweisen seines früheren Arbeitgebers orientierte. Ein Umstand, der seit Momoas Versetzung auf diesen Posten der Besatzung der Iowa zugute kam, wie Suval bereits zu früheren Gelegenheiten auch ihm gegenüber festgestellt hatte. Zwar hatte sie vor allem in länger zurück reichender Zeit ab und an darauf hingewiesen, dass die Iowa ein Schiff der Sternenflotte sei, doch vor allem seit seiner Versetzung auf den Posten ihres Stellvertreters war sie Momoa hinsichtlich mancher seiner Sichtweisen entgegen gekommen.

Darüber hinaus hatte sie die Gelegenheit genutzt, sich bei der Inspektion ihrer Zelle das in den letzten Stunden auf Tzenkethi Prime Erlebte etwas genauer in Erinnerung zu rufen. Seit dem Betreten des Planeten bis jetzt hatten sich die Ereignisse mit zunehmender Geschwindigkeit überschlagen, was eine distanzierte und großräumigere Betrachtung der Situation bisher verhindert hatte.
Der Regierungspalast wirkte auf den ersten Blick modern, im Vergleich zu dem, was sie aus früheren Missionsberichten kannte, hatte man die offen zugänglichen Bereiche des Gebäudes ebenso wie die daran anschließenden Außenanlagen in den vergangenen Jahren offensichtlich großzügig instandgesetzt. Doch ihr gegenwärtiger Aufenthaltsort erinnerte sie viel zu deutlich an die herunter gekommene Polizeistation auf Tonsimin, in welcher sie neben Mancuso und weiteren damaligen Kollegen aus der Sicherheitsabteilung vor mehreren Jahren das zweifelhafte Vergnügen hatte, sich mit einem an einem hämorrhagischen Fieber respektive Biowaffe erkrankten Tzenkethi die Zelle teilen zu müssen. Es hatte nicht viel gefehlt und Suval, die sich unglücklicherweise bei ihrem Mitinsassen angesteckt hatte, wäre diesem Virus ebenfalls zum Opfer gefallen.

Im Zusammenhang betrachtet hinterließ die Gesamtsituation den Eindruck einer Kulisse aus Pappmaché auf Basis eines schlecht geschriebenen Drehbuchs, in dem sie anscheinend eine der Hauptrollen spielen sollte - ohne den Text zu kennen. Wie nah sie dabei an der Wahrheit lag, ahnte sie erst, als eine nur allzu bekannte Tzenkethi in Begleitung dreier männlicher Vertreter ihrer Rasse vor die Gittertür trat.
Unvermittelt wollte für einen Sekundenbruchteil nun auch der häßlichste Teil jener in den letzten Tagen heraufbeschworenen Erinnerungen ungefiltert ausbrechen und mit seiner furchteinflößenden Fratze für Panik sorgen, doch jahrelanges Training machte sich bezahlt und versperrte ihr wie ein bulliger Türsteher den Zugang zum Bewusstsein. Geist und Körper unterstanden absoluter Kontrolle.
"Wieso überrascht es mich nicht, ausgerechnet Sie hier zu sehen!" meinte Suval mit fester Stimme, als sie sich erhob und Eramanalis Esden ins Gesicht blickte. Selbige setzte ein zufriedenes Grinsen auf und lehnte sich mit dem Ellenbogen auf eines der Quergitter.
"Das letzte Mal, als wir uns sahen, standen Sie an meiner und ich an Ihrer Stelle - auf Ihrem Grund und Boden", fasste die Tzenkethi amüsiert zusammen. Die beiden groß und kräftig wirkenden Begleiter, deren Aufgabenbereich man auf den ersten Blick leicht abschätzen konnte, wirkten an der entstehenden Unterhaltung desinteressiert, während der dritte, nicht minder groß aber weit weniger muskelbepackt, allem Anschein nach einen Scanner in Richtung der Rihanna hielt.
"Damals schwafelten Sie etwas von der Verweigerung des Status' als Kriegsgefangene und lebenslanger Haft in einer Rehabilitationseinrichtung Ihrer Föderation." Esden winkte schwammig mit der Hand und vermittelte einen versonnenen Eindruck, der jedoch ihre tatsächliche Wachsamkeit nur unzureichend überdecken konnte. "Tatsächlich war weder das eine der Fall noch ist das andere eingetreten." Das Lächeln in ihrem Gesicht wuchs in die Breite. "Die Anerkennung der Unabhängigkeit der Tzenkethi Konföderation durch Ihre Föderation war stattdessen... allumfassend. Sie betraf nicht nur die Verfolgung und Verurteilung von Straftätern, welcher Art auch immer, sondern auch den Versuch, mich wegen Entführung, Mordes und Terrorismus' zu belangen", erläuterte sie und verzog das Gesicht kurzzeitig, als wolle sie Suval so etwas wie Mitgefühl entgegenbringen.

Tatsächlich war es im Rahmen der gewährten Unabhängigkeit ein politisches Zugeständnis der Föderation an die Tzenkethi gewesen, auch die niederträchtigsten Artgenossen der eigenen Jurisdiktion zu überlassen - obwohl absehbar gewesen war, was die Konsequenz daraus sein würde. Suval hatte dies mit Verärgerung zur Kenntnis genommen, unvermögend daran etwas zu ändern aber aufgehört, sich darüber Gedanken zu machen. Bis heute...
"Völlig spurlos scheint die ganze Sache dennoch nicht an Ihnen vorbei gegangen zu sein", entgegnete die Rihanna und spielte nicht nur darauf an, dass Esden ebenso wie ihre Begleiter Zivilkleidung trug.
"Lassen Sie sich davon nicht allzu sehr verwirren. Äußerlichkeiten sind doch nur Schall und Rauch. Vielmehr zählt, was man im Geiste ist."
"Eine überzeugte Verteidigerin der neuen demokratischen Ordnung?" spottete Suval und provozierte ein kurzes aber herzhaftes Lachen.
"So in etwa."
"Oder vielmehr die Nachfolgerin eines paramilitärischen Generals, dessen Tod ebenso unrühmlich war wie sein Leben?" In den Worten schwang eine Drohung mit. Und aus Esdens Gesicht verschwand mit einem Schlag jedwedes Amüsement, um Platz zu machen für jene brutale Entschlossenheit, die Suval nur zu gut kannte. 'Volltreffer.'
Das Vorspiel war vorbei, der Moment der Wahrheit war gekommen. Und als habe er auf eine günstige Gelegenheit gewartet wandte sich der etwas schmächtigere Tzenkethi an Esden mit der Feststellung, dass Suval allem Anschein nach einen Peilsender bei sich trug. Esden nickte nur anerkennend.

Das war das Signal an die beiden großen Jungs. Einer von Ihnen steckte einen klobigen Schlüssel in das dafür vorgesehene Schloss, drehte ihn zweimal herum und mit einem einvernehmlichen Quietschen schwang die schwere Gittertür in den Gang.
Suval hatte nun zwei Möglichkeiten mit ein und demselben Ergebnis - entweder lieferte sie sich kampflos aus oder sie bemühte sich, ihre Haut so teuer wie möglich zu verkaufen. Ihr Ehrgefühl sorgte dafür, dass ihr die erste Variante nicht einmal in den Sinn kam. So wappnete sie sich und machte einen Schritt in die Mitte der Zelle.
Der Raum war klein und rustikal, maß nicht einmal vier mal fünf Meter, die Vorderseite bestand komplett aus Gittern, an der rückwärtigen Seite war die Pritsche am Boden verankert. Die Verhältnisse boten somit erstmal keine allzu schlechten Voraussetzungen für einen Nahkampf, ließen sie die Attacke der beiden bulligen Typen doch nur nacheinander zu - sah man von dem Umstand ab, dass die Zelle logischerweise nur einen Eingang besaß, an dem zwei Tzenkethi Stellung bezogen hatten, die sie im Falle ihrer erfolgreichen Gegenwehr garantiert nicht nach draußen und in die Freiheit spazieren lassen würden. Ganz zu schweigen von der Annahme, dass vor dem Arrestbereich weitere wenigstens korrupte Wachen postiert waren - anders zumindest ließ sich nicht erklären, warum niemand vom offiziellen Sicherheitspersonal bisher das innige Miteinander gestört hatte und warum Esden überdies im Besitz eines Schlüssels für die Zellentür war. Sie konnte das gegenwärtig Unvermeidliche also nur hinaus zögern und versuchen, Zeit zu gewinnen. Einzig positiv schien die Tatsache, dass die beiden Herrschaften sich auf eine direkte Auseinandersetzung einließen, ohne dabei offensichtlich Waffen zum Einsatz bringen zu wollen. Dies schloss ihren sofortigen Tod aus. Die Frage war - was war die Intention für die Gesamtsituation? Doch eine Antwort musste sich gedulden. Der erste Tzenkethi griff an...

Mit einem Satz sprang sie ihm entgegen und landete auf seinem Fuß. Der einigermaßen stabile Schuh konnte die Wucht des Aufschlags nur unzureichend abfangen und in seiner Vorwärtsbewegung beugte sich der Tzenkethi mit einem schmerzerfüllten Stöhnen nach vorn und der Rihanna entgegen. Die Gelegenheit ergab sich, mit der linken Hand um seinen Kopf das Kinn zu ergreifen und mit einem kräftigen Zug das maximale Drehmoment zu erzeugen. Mit einem häßlichen Knacken brach das Genick und der erste Angreifer sackte augenblicklich leblos zusammen. Noch im Fallen begriffen stieß Suval die Leiche seinem Kumpan entgegen, der jedoch gekonnt auswich. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er sich zum Ziel setzte, nicht denselben Fehler wie sein nun toter Freund zu machen und die aus seiner Sicht halbe Portion vor sich zu unterschätzen. Mit zwei weiteren Schritten hatte er sie in die Ecke gedrängt und hieb kraftvoll auf sie ein. Die ersten Schläge in Richtung Kopf hämmerten schwer auf die schützend erhobenen Arme. Dann wollte er seine Attacke in Richtung Oberkörper verlagern - den ersten Schwung konnte sie seitlich ableiten, was die Möglichkeit eines Gegenangriffs offenbarte. Mit der linken Faust schlug sie ihm auf das ungeschützte Ohr, ein zweiter Treffer mit dem rechten Ellenbogen brach seine Nase, woraufhin er besinnungslos zu Boden ging.
Außer Atem schob sie sich in der entstandenen Pause langsam aus der Ecke in Richtung Ausgang, doch der Blick Esdens, dessen sie kurzzeitig gewahr wurde, offenbarte zu Suvals Enttäuschung weder ernsthafte Verärgerung noch Resignation. Stattdessen zeugte ihr Habitus nach wie vor von Selbstbewusstsein, dass sich schlussendlich mit zwei weiteren Hünen erklären ließ, die gerade im Eingang erschienen. Die Rihanna atmete kurz tief durch und machte sich für den nächsten Angriff bereit.
Mit einem tiefen Grollen betrat der dritte Tzenkethi die mittlerweile recht enge Zelle, stieg pietätlos über seinen toten Kameraden hinweg und griff nach ihr. Er bekam ihren rechten Oberarm zu packen, büßte dadurch allerdings selbst die Hälfte seiner Verteidigung ein und ließ seine Gegnerin zu nah an sich heran. Energisch zog sie das rechte Knie nach oben und traf ihn empfindlich im Schritt - woraufhin er seinen Griff löste und sie wutentbrannt in Richtung der Wand stieß. Sie stolperte und konnte sich nur unzureichend abfangen, wodurch ihr Kopf mit der Wand kollidierte. Der Aufprall raubte ihr beinah die Sinne und ließ augenblicklich jede Gegenwehr ersterben.
Schwer atmend musste sie sich eingestehen, dass die Zeit abgelaufen war und sie verloren hatte, als jemand an sie herantrat, um sein Knie auf ihrem Hals und die starken Hände auf ihrem Rücken zu platzieren, wodurch sie am Boden fixiert wurde. So jeglicher Möglichkeit des Widerstandes beraubt wurde ihr neben der Luftzufuhr auch ein wesentlicher Teil des Blutstroms zum Gehirn unterbrochen, so dass sich die Bewusstlosigkeit unaufhaltsam und in großen Schritten näherte. In diesem Augenblick zog jemand an ihrem entblößten rechten Arm. Mit aufsteigender Verzweiflung versuchte sie sich aufzubäumen, doch das Gewicht auf Hals und Rücken war zu groß, der Griff an ihrem Handgelenk zu eisern, als sie kalten, scharfen Stahl auf der Haut spürte... und ihre Umgebung schließlich in der Dunkelheit versank.

SD 2417.201, 18:10 Uhr, Tzenkethi Prime, an einem unbekannten Ort

Langsam lichtete sich die Dunkelheit um ihren Geist, wenngleich die heftigen Kopfschmerzen anderes wünschen ließen - bis zum Einsetzen der Erinnerung...
Daran, wie sie den kurzen aber heftigen Kampf im Keller des Regierungspalastes gegen Esdens Leute verloren hatte.
Und an einige Gesprächsfetzen, die sie unterwegs - wohin auch immer - zwischen Esden und einem ihr Unbekannten vernommen hatte...

"Warum tötest du sie nicht einfach?" fragte die männliche Stimme mit einer Selbstsicherheit, die einen gewissen Schluss auf seine Position gegenüber Esden zuließ.
"Nicht, bevor ich die Informationen von ihr bekommen habe, die mich rehabilitieren können!"
"Und du bist dir sicher, dass du diese Informationen bekommst?"
"Ich muss. Zu lange habe ich darauf hingearbeitet. Außerdem habe ich sie schon einmal gebrochen!"
"Nur hast du kein Druckmittel."
"Doch. Ihr eigenes Leben. Diese weichgespülten Sternenflottenfritzen klammern sich extrem daran."
Übelkeit stieg in der Rihanna bei diesen Worten empor und verleitete sie zu einer verräterischen Bewegung. "Deswegen verstehen sie uns und unseren Kampf auch nicht."
Ein plötzliches Stechen am Hals und der schnell zunehmende Druck im umliegenden Gewebe, untrügliches Zeichen einer Injektion, unterbanden ihrerseits zügig die weitere Wahrnehmung der Unterhaltung.
Beide Gesprächspartner mussten ob ihrer vermeintlichen Arglosigkeit angenommen haben, ihre Gefangene verweile längerfristig im Land der Träume. Doch der rihannische Dickschädel machte ihnen einen Strich durch die Rechnung und versorgte die Eigentümerin darüber mit einem wertvollen Vorteil für das Kommende.

Schließlich, nachdem auch ihr Gehör die letzten Reste der Benommenheit abgestreift hatte, stellte sie fest, dass weder Stimmen noch sonstige Geräusche zu vernehmen waren, was sie annehmen ließ, gegenwärtig allein zu sein. Damit ergab sich die Gelegenheit, die eigene Situation einzuschätzen - und so schlug sie die Augen auf.
Der Raum, in welchem sie sich befand, war nur spärlich beleuchtet. Eine einzelne Lampe, augenscheinlich nicht mehr als ein Provisorium, baumelte lustlos und erloschen an einem unisolierten Draht von der Decke. Die kärglichen Lichtstrahlen fielen durch ein schmales und schmutziges Fenster, das nach seiner Größe und Position sowie den Gittern davor nur ein Kellerfenster sein konnte. Die Wände waren fleckig und kahl und kapillar aufsteigende Feuchtigkeit hatte stellenweise den Putz in größeren Fladen vom Mauerwerk fallen lassen. Der augenscheinlich einzige Zugang zum Raum wurde durch eine alte und doch recht massiv erscheinende Holztür verschlossen, die vermutlich bereits vor fünfzig Jahren in die Kategorie "Vintage" eingeordnet werden konnte. Die olfaktorische Komposition aus Staub, mutmaßlich den Hinterlassenschaften kleinerer ungebetener Untermieter faunistischen Ursprungs und einer allgemeinen Modrigkeit rundete den Gesamteindruck eines dem Verfall preisgegebenen Gebäudes ab. Ein krasser Unterschied zu den militärisch funktionalen und fast sterilen Betonbunkern auf M'Kenas... und ein Symbol für die gegenwärtige Lage ihrer Gegnerin?
Sie selbst saß auf einem hölzernen Stuhl. Der erste Blick nach unten offenbarte eine lange und tiefe Schnittwunde längs der Innenseite des rechten Unterarms, aus der unablässig Blut sickerte. 'Der Peilsender', erinnerte sie sich. Er musste noch in der Zelle entfernt worden sein, bevor man sie von dort weggebracht hatte. Und somit wurde aus der Vermutung Gewissheit, dass die Iowa genauso wenig wusste wie sie selbst, wo sie sich aktuell befand... Der zweite Blick verriet, dass ihre Arme auf den seitlichen Lehnen des Stuhls mit einer Art Kabelbinder aus Kunststoff befestigt waren. Einen vorsichtigen Versuch, deren Widerstandsfähigkeit zu eruieren, stellte sie schnell wieder ein, da die Fessel schmerzhaft einschnitt und nicht nachzugeben schien. Die Beine hingegen waren frei und verhießen einen gewissen Bewegungsspielraum.
Die weitere Situationsanalyse wurde jedoch dadurch unterbrochen dass jemand energisch die offensichtlich unverschlossene Tür öffnete. Der Lichtschalter wurde betätigt und grelles weißes Licht flutete ihr entgegen...

Esden trat ein, stellte wortlos einen zweiten Stuhl vor sie und nahm darauf Platz. Eine Weile beobachtete sie die Rihanna, während diese sichtlich bemüht war, sich an das gleißende Licht zu gewöhnen und den aufflammenden Schmerz hinter ihrer Stirn nieder zu ringen.

"Jetzt können wir uns ungestört unterhalten."

SD 2417.201, 14:00 Uhr, USS Iowa, Botschafterquartier

Als die Botschafterin wieder in ihrem großzügigen Quartier erschien, machte sie den Eindruck, als stiegen Rauchwolken aus ihren Ohren auf, weil sie kurz vor dem explodieren stand.

Diese unkultivierten Militärs, dachte sie um ihre Contenance bemüht, waren erst zufrieden, wenn sie irgendwas in Schutt und Asche legen konnten. Je größer dabei das Ziel, umso besser. Und es war völlig egal, in welcher Uniform sie steckten, sie waren alle gleich.

Dr. Watson, ihr erster Attaché, ein überaus fähiger Mensch mit Gespür für die wichtigen Einzelheiten, sah sie fragend an.

„Sie waren drauf und dran, einen Krieg auszulösen. Das ist die denkbar schlechteste Alternative und Captain Suval hat das klar erkannt, als sie Mancuso den Befehl erteilte, nicht zu intervenieren. Und nun spielen sie mit all ihren herrlichen Spielzeugen, um wen zu beeindrucken?“

Der Tellarit Naarg kam, angezogen vom Lärm, aus seinem persönlichen Raum, eine Krümelspur frischen Zeremonialschlamms hinter sich herziehend.

„Was haben die Menschen wieder angerichtet, Madam?“

Talera berichtete kurz.

„Ich würde das normalerweise auch so machen, als unabhängiger Tellarit, der ich früher mal war, Madame.“

„Wie lange sind Sie schon im diplomatischen Dienst, Naarg?“ Talera wusste, dass diese Frage nur rhetorischer Natur war, genauso wie Naargs Aussage. Der Tellarit trollte sich grunzend, um sein Ritual fortzusetzen.

Jhamel war am Terminal mit dem Protokoll beschäftigt, so dass sie nicht in das Gespräch einbezogen wurde.

Dafür antwortete jedoch Watson: „Das ist nur Beschäftigungstherapie, Talera.“ Als ihr ältester Mitarbeiter durfte er sich die persönliche Anrede erlauben, wenn sie unter sich waren. Im Dienst hieß es aber stets “Madame Botschafterin“.

„Sie müssen irgendetwas tun, um das übersprudelnde Adrenalin abzubauen. Und wenn dabei nichts kaputt geht, umso besser.“

„Ja, Sie haben Recht, Watson. Die Menschen beherrschen leider nicht das Kohlinar, um ihre überschäumenden Emotionen zu zügeln.“ Ein hauchfeines Lächeln umspielte dabei ihre Lippen, das die auch als Beleidigung zu verstehende Aussage entschärfte. Es war allgemein bekannt, dass die Vulkanier nicht allzu viel von der Emotionskontrolle der Menschen hielten. Ihrer Meinung nach war sie kaum vorhanden. Talera jedoch hatte in den langen Jahren im diplomatischen Dienst ganz andere Erfahrungen gesammelt. Die Menschen mochten vielleicht ihre Emotionen nicht kontrollieren können, dafür hatten sie jedoch eine Menge anderer interessanter Fertigkeiten. Und eine davon sollte ihr erster Attaché jetzt einsetzen.

„Ich denke, Watson, Sie wären jetzt auf der Brücke gut aufgehoben, um sicher zu stellen, dass die Streitlustigen nichts Unvorteilhaftes unternehmen. Am liebsten wäre mir, sie würden aufhören, mit den Säbeln zu rasseln, (hier konnte sich Watson ein Grinsen nicht verkneifen) und sich lieber in die Planung stürzen.“

„Aye, Madam“ antwortete Watson und zog ab.

 SD 2417.201, 14:15 Uhr, USS Iowa, Brücke

 Als der Attaché auf der Brücke eintraf, herrschte dort relative Ruhe.

Alle Stationen waren besetzt und der große Frontschirm zeigte Tzenkethi Prime unter einer dichten Wolkendecke, die die Hauptstadt verbarg.

Watson trat an die taktische Konsole, um die Aktivitäten dort zu beobachten. Nach wie vor blinkten dort die Anzeigen wie wild, was als „Weihnachtsbaum“ bezeichnet wurde. Auf dem Bildschirm waren schematische Abbildungen zu sehen, die die Grundrisse von Gebäuden des Palastes darstellten, wie unschwer zu erkennen war. Überall waren blaue Punkte verteilt, die sich mehr oder weniger schnell bewegten. So konnte man also erkennen, wo sich das Personal des Regierungspalastes aufhielt. Jedoch nicht erkennbar war, in welchen Etagen die Personen unterwegs waren. Aber das störte Watson erst einmal nicht. Er beobachtete das Fluktuieren der Punkte, sah, wie manche offenbar den Palst verließen, weil ihre Markierungen über die Grenze des Grundrisses schwammen. Einige sammelten sich an einem Ort und wieder andere bewegten sich um einen kleinen grünen Punkt herum.

Watson beobachtete das Spiel der Punkte mit Faszination, fast meinte er, die Personen selbst zu sehen, als urplötzlich das grüne Pünktchen seine Farbe zu Rot änderte und fortan zwischen den beiden Farben wechselte.

„Entschuldigung“ sagte der Attaché und wollte die das Terminal Umstehenden und heftig Diskutierenden auf sich aufmerksam machen. Keiner hörte ihn, da die Lautstärke der Diskussion inkrementierte. Das geschah jedes Mal kurz bevor ein weiterer Plan, den Captain zu befreien, das Zeitliche segnete.

„Entschuldigung“ brachte er schon nachdrücklicher hervor.

Alle Gesichter drehten sich auf einen Schlag ihm zu und die Augen blitzten ihn annihilierend an.

Watson drängte sich durch die Umstehenden und drückte seinen Zeigefinger auf das große waagerechte Display (welch Sakrileg!), genau vor den blinkenden Punkt.

„Was ist das?“ fragte er, als er sich der Aufmerksamkeit aller sicher war. 

Jeder, auch er selbst, kannte das Farbenspiel der Lokalisationssensoren. Das hier bedeutete, dass ein Sensor aus dem ihn beherbergenden Körper entfernt worden war. Das Grün bedeutete, der Sensor war noch aktiv und rot hieß, der Kontakt mit dem Nervensystem des ehemaligen Trägers ging verloren. 

Damit trat die Suche nach dem Captain in ein neues Stadium ein, das der „Heuhaufen“ hieß.

SD 2417.201, 18:10 Uhr, Tzenkethi Prime, an einem unbekannten Ort

Colonel Esden – besser, ehemaliger Colonel – stapfte missmutig vor der Tür hin und her, hinter der ihre Gefangene mühsam versuchte, die drogeninduzierte Bewusstlosigkeit abzuschütteln.

Ihre Wache, besser Begleiter, denn sie waren allesamt Zivilpersonen, hatte sie weggeschickt. Keiner sollte sie in ihrer momentanen Gemütsverfassung sehen.

Sie, die ehemals hochdekorierte Offizierin der Tzenkethi-Konföderation, stand buchstäblich vor den Trümmern ihres Lebens. Alles hatte man ihr damals genommen, ihren hochverehrten kommandierenden Offizier, General Giap, ihre Ziele, ihre Uniform, die sie mit Stolz getragen hatte und über die sie ihr Leben definiert hatte. Nichts war geblieben, außer dem Gedanken an Rache. Eine Rache, die durch glückliche Umstände -selbst hier war nicht ihr eigenes Tun die Ursache- in greifbare Nähe rückte. Und mit der ihr eigenen eiskalten Berechnung hatte sie vor, die Gelegenheit zu nutzen. Aber ach, wie hatte sie das erreicht: nicht ein klarer Befehl, dem ein „Jawohl“ der sofortigen Ausführung vorausging, nein, Bestechungsgeld und Heimlichkeit. Dank der immer noch zahlreichen Anhänger Giaps hatte sie immerhin darin Erfolg.

Die Anhänger Giaps, die ihre Verehrung nicht einmal heimlich im Schutz der Dunkelheit ausleben mussten, sondern Ämter und Posten bei der neuen Regierung erhalten hatten, hatten allerdings vorsichtig und ein wenig zögerlich reagiert. Niemand setzt sich schon gern der Gefahr aus zu verlieren, was er sicher glaubt.

Esden zog mit einem kurzen Ruck ihre schmalgeschnittene Jacke zurecht. Ja, auch das vermisste sie schmerzlich, ihre geliebte Uniform, die ihr ihr ureigenes Ich dargestellt hatte. Die würdelose Zivilkleidung war nur ein schwacher Abklatsch davon, ähnlich lächerlich wie die Pyjamas der Fördis. Aber die Farbe stimmte wenigstens, wenn auch all die eindrucksvollen Metallteile fehlten und besonders ihre Orden.

All das hatte man ihr genommen, als sie unehrenhaft entlassen wurde und haarscharf einem Kriegsverbrecherprozess entkam, während Giap, der für all die Gräuel verantwortlich war, zum Volkshelden hochstilisiert wurde. „Volksheld“ sagte sie laut, „Dass ich nicht lache. Haha.“

Das Lachen klang zum Teil hämisch zum Teil resigniert. Sogar ihr angestrebtes Ziel, die Eigenständigkeit der Konföderation, wurde in dem Moment Null und Nichtig, als diese einfach so deklariert wurde und die Föderationsschiffe sich sang- und klanglos aus dem Tzenkethi-Raum verzogen. Und Esden einfach so in der Versenkung verschwand.

Neun Jahre lang hat sie an der Seite und mit den restlichen Rebellen gekämpft, die gegen jeglichen Einfluss von außerhalb standen, ganz egal aus welcher Richtung er kommen mochte. Aber die Kämpfer wurden mit der Zeit immer weniger, viele wollten mit ihr einfach nichts mehr zu tun haben und außerdem, so argumentierten sie, war doch alles erreicht, was ehemals ihre Ziele gewesen waren.

Esden senkte den Kopf, als lägen die Trümmer ihres Lebens zu ihren Füßen. Aber sie sah nichts als den grauen Beton, rau, rissig, staubig, alt. Dieser Anblick holte sie zurück ins hier und jetzt.

Dort, hinter dieser Tür, befand sich ihr Trumpf, vielleicht ihr letzter. Durch kluge Nutzung dieses Trumpfs erhoffte, nein erstrebte, sie alles, was sie sich wünschte: Rehabilitation, ihre Stellung, Macht und Einfluss. Und sie kennt den Wert ihrer Trumpfkarte, denn schließlich hatte sie einen Captain der Sternenflotte und diesen Captain hatte sie bereits einmal in ihren Fingern gehabt und es war sogar gelungen, den Widerstand dieser Frau zu brechen. Das würde-musste-ihr wieder gelingen.

Esden hatte sich genau überlegt, welche Informationen sie dieser spitzohrigen Frau abzupressen gedachte: Kommandocodes waren nutzlos, die waren inzwischen geändert worden. Nein, wichtiger waren strategische Informationen, wie zum Beispiel Bereitstellungsräume für die Sternenflotte im Falle von kriegerischen Interventionen. Diese Informationen waren ihr Gewicht in goldgepresstem Latinum wert, und die Frau hinter der Tür hatte sie.

Eines bereitete ihr allerdings geringfügig Sorgen: Das selbstbewusste, in sich gefestigte Auftreten ihrer Gefangenen. Die Gegenwehraktionen hatten Esden insofern beeindruckt, mit welcher Zielgerichtetheit und Kaltblütigkeit sie erfolgt waren. Aber auch dagegen gab es Mittel. Entschlossen, mit gestraffter Gestalt trat Esden zur Tür, bedeutete den beiden Wachen an der nächsten Ecke, dass sie kommen sollten, und öffnete die schwere Tür mit lautem Quietschen.

Esden trat ein, stellte wortlos einen zweiten Stuhl vor sie und nahm darauf Platz. Eine Weile beobachtete sie die Rihanna, während diese sichtlich bemüht war, sich an das gleißende Licht zu gewöhnen und den aufflammenden Schmerz hinter ihrer Stirn nieder zu ringen.

"Jetzt können wir uns ungestört unterhalten."

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