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Trinity - #04

Und hier geht es froh und munter weiter...

 

Zuvor jedoch wünsche ich euch allen eine frohe und geruhsame Weihnacht, ein schönes Fest und angenehme Feiertage im Kreise eurer Liebsten und schonmal einen guten Rutsch ins neue Jahr.

SD 2417.202,16.07 Uhr, Quartier Home MD

Puristisch war sein Quartier ausgerichtet, nicht jedoch ohne Stil. Die wenigen dekorativen Elemente hatten einen persönlichen Bezug. Doch der Minimalismus spiegelte auch das Leben eines Zynikers wieder, einen Weg den er gewählt hatte. Zum Großteil als Schutz, weil er mit der Flut der Emotionen und Gemeinschaft irgendwann gebrochen hatte. Es half ihm sich zu distanzieren und niemanden nahe genug ranzulassen um hinter die Maske zu blicken. Der Preis dafür waren: Menüs für einen und ein ruhiges Quartier.

Schwerfällig hinkte er zum Replikator um sich eine Tasse Kaffee zu replizieren. Das Nachmittagsloch hatte eingesetzt und schien auch im 25. Jahrhundert gegenwärtig zu sein. Auf der schmalen Leiste über den Tasten seines Flügels stellte er die Tasse ab und begann zu klimpern, gedankenverloren und ohne Ziel. Irgendwann fand er sich in einer Etüde einer bolianischen Oper wieder, welche von Schmerz, Trauer. Leid und Pein handelte. Für einen Moment verharrte er starr in seiner letzten Position, die Finger über den Tasten, als die wohltuende Stille und Leere in seinem Kopf durch das Türsignal unterbrochen wurde.

„Verdammt nochmal, wieder einer der Idioten der nicht weiß wie man ein Pflaster ablöst.“ Brummte er vor sich her. Er war geneigt ein „Geh weg“, zu rufen, besann sich jedoch. 

„Herein!“ Raunte er zur Tür.

 

SD 2417.202, 17.35 Uhr, Leichenhalle

Wie eine Katze auf drei Beinen hatte er sich an die Kommandantin herangeschlichen, eine Eigenschaft dir er trotz seines Habitus und schweren Gangbildes beherrschte. Unbemerkt war er nur wenige Schritte hinter Suval zum Stehen gekommen. Für einen Moment hatte war er versucht die Stimme aus der Gruft zu spielen, dann kam ihm jedoch der Gedanke, dass es gar noch viele Särge geben könnte und in Suvals Stimmung …

Der Schnuppertrick hätte sicher zu einer anderen Zeit und einem anderen Home funktioniert, doch sicherlich nie bei einem Captain der Sternenflotte, dessen war er sich sicher und so steckte er die verbale Niederlage ein. Stille setzte zwischen beiden ein und Homes Blick wich von Suval zu der aufgebahrten Leiche. Die Tzenkethi Frau mit dem Namen Esden, zumindest wusste er das aus den Unterlagen die er im Computerarchiv gefunden hatte. Ein Colonel des Status Fanatiker, die für viele Gräueltaten verantwortlich war und sicherlich auch tiefe Spruen bei dem ein oder anderen Besatzungsmitglied der Iowa hinterlassen hatte.

„Es ist immer schwer sich seinen Dämonen zu stellen oder Ihnen gegenüber zu stehen.“ Durchbrach der Mediziner die Stille.

Irritation lag im Blick von Suval, die wohl eher mit einem verbalen Konter gerechnet hatte.

„Was meinen Sie?“ 

Home hinkte noch etwas näher heran

„Nur weil Sie dort liegt, heißt es nicht das es vorbei ist“, er tippte der Rihanna auf die Stirn und fuhr fort: „Unsere Dämonen sind hier drin“.

Ruckartig drehte er sich um und hinkte zum Ausgang, kam kurz vor der Tür zum stehen und machte abermals kehrt und stütze sich leger auf seinen Gehstock.

„Sie können die Krankenstation verlassen und eingeschränkten Dienst wieder aufnehmen, jedoch in den ersten Tagen nicht länger als 6 Stunden am Tag. Zudem führen Sie weiter ihr Schlafprotokoll und nun kommt der Part den Sie richtig hassen werden: Sie werden bis auf Weiteres dreimal in der Woche für jeweils eine Stunde sich zu einer psychologischen Nachuntersuchung begeben. Entweder zu einem Counselor oder einem richtigen Mediziner ihres Vertrauens.“ Ohne ihr die Möglichkeit zu geben Einspruch einzulegen fuhr er fort: „Und bevor Sie zu Papa Lorek rennen, der Psychoquatsch war seine Idee. Halten Sie sich nicht daran, werden Sie wieder als dienstunfähig erklärt“. Suval musste ja nicht wissen das er massiv in diese Richtung interveniert hatte und wenn das vulkanische Plaudertäschchen im Singkreis der Führungsoffiziere nichts ausplaudern würde, würde es auch so bleiben. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen drehte er sich um und hinkte raus.

 

SD 2417.202, 18.00 Uhr, Blueberry Bar

Lauter als nötig knallte er den Gehstock auf den Tresen als er auf einem Hocker an der Bar Platz nahm. Mancuso schreckte über seinem Drink auf, Irini wandte sich dem wohl störenden Geräusch zu. Ihr Blick verwandelte sich im Bruchteil einer Sekunde von Suneshine and Lollypop in Weltenzerstörer. 

„Muss das so laut sein“, brummte Manucso leicht säuselnd.

„Was ist mit Ihnen los? In den Spiegel gesehen und gemerkt das es so nicht weitergeht?“

„Im Gegensatz zu ihnen kann ich in den Spiegel sehen.“ Konterte der Sicherheitschef.

„Einmal das gleiche für den Chief und für mich etwas mit mehr Umdrehungen.“ Irini nickte nur stumm als Antwort.

„Was wird das?“ Ungläubig blickte der Chief zu Home.

„Ich lade Sie auf ein Getränk ein.“

„Wieso?“

„Weil ich sie so unheimlich süß finde Chief.“ Honigkuchenpferd breites Grinsen.

„Machen Sie nur so weiter, dann werde ich Ihnen die Abreibung verpassen die ihnen gebührt.“

„Ganz ruhig Chief.“ Home sprach die Worte in einem immer tiefer werdenden Singsang aus, als wolle er einen gereizten Hund beruhigen. Es schien zumindest einen Teilerfolg zu haben, vielleicht auch dem geschuldet das Irini gerade die Getränke abstellte.

„Einmal das übliche für Sie Chief“, ein Lächeln auf den Lippen. „Einmal Ochsenurin für Sie“, kein Lächeln. Ohne eine Antwort abzuwarten war die Barkeeperin wieder weg.

„Okay zurück zum Thema. Sie und Suval scheinen sich gut zu verstehen?“

„Wie meinen?“ Mancuso schien immer irritierter.

„Ich meine, dass der Captain bei seinen psychologischen Stunden nicht aufrichtig sein wird und vielleicht eine Schulter zum Ausweinen braucht?“

„Dafür gibt es Counselor.“ Mit einem Zug war das Glas von Mancuso leer.

„Natürlich, aber keinen von denen ist so einfühlsam und liebenswert wie Sie.“ Auch Home leerte sein Glas.

 

Blueberry Bar, der dritte Tisch links am Fenster

Medeba, Varella und Oliphant trafen sich jeden Mittwoch um 18 Uhr zum gemeinsamen Abendessen. Mehr durch Zufall hatte sich der Termin vor ein paar Woche ergeben. Der Sulamide bestellte immer etwas mit rohem Fisch oder Meerestieren, Varella etwas vegetarisches und an Alan blieb es etwas mit synthetisiertem Fleisch zu bestellten. 

„Ich frage mich wie lange es noch dauert bis Mancuso mit Home den Boden wischt.“ Varella lächelte leicht.

„Nicht mehr lange wohl.“ Gluckste der Wissenschaftsoffizier, alle Augenpaare auf die Bar gerichtet. Am Anfang war Alan mit einem gewissen Respekt bis hin zur Angst dem Sulamiden begegnet, bis er merkte das er eigentlich ein sehr friedfertiger, glucksender und redseliger großer Tintenfisch war.

„Na ja bei der Anspannung und Lage kann es früher sein als gedacht. Ich glaube Momoa nimmt Wetten entgegen.“ Alan stocherte in seinem Salat.

„Alles in Ordnung?“ Varella blickt von ihrem Teller auf.

„Ja schon. Komisch ist nur vor wenigen Tagen bat mich Captain Suval um eine taktische Einschätzung. Da es jedoch keine Gefahr gab und unsere Informationen über Flottenstärke und Anzahl, nun ja lückenhaft sind, konnte ich keine Gefährdung einschätzen. Aber jetzt könnten wir auch auf einem Pulverfass sitzen, oder umzingelt zu sein ohne es zu wissen.“ 

Medeba schob ein Paar seiner Augenstiele in die Richtung von Opliphant.

"Zum Lügen gehören immer zwei, einer der lügt und der andere der es glaubt." Homer J. Simpson

SD 2417.202, 20:30 Uhr, an Bord der Iowa

 

Home lag in seinem Liegesessel und las eine medizinische Abhandlung, als sein Kommunikator sich meldete.

 

„Home für Suval. Doktor, wenn Sie Zeit hätten, würden Sie bitte kurz zu meinem Quartier kommen?“

 

Home blickte verwundert drein und betätigte seinen Kommunikator.

„Home hier. Eigentlich mache ich keine Hausbesuche, aber in Ihrem Fall mache ich eine Ausnahme.“

 

„Danke.“ Damit schloss Suval den Kanal wieder, rollte mit den Augen und fragte sich, was sie sich mit diesem Ansinnen nur dachte. Anschließend holt sie sich eine Tasse Tee und setzt sich wartend in einen Sessel neben dem niedrigen Tisch und gegenüber der Couch.

 

Home war indes über die knappe Antwort überrascht und schwang sich aus seinem Sessel, soweit es seine Eleganz zuließ. Er hinkte zum Ausgang und verließ sein Quartier, ging weiter in Richtung des nächsten Turbolifts und betrat diesen. „Quartier Captain Suval.“ Er bemerkte den Start des Turbolifts und genoss die späte Fahrt, vor allem als zwei junge weibliche "Blauröcke" beim nächsten Stopp einstiegen. Als der Turbolift hielt, hinkte er an den beiden vorbei, lächelte charmant (was er konnte, wenn er wollte): ‚Meine Damen.“ Damit verließ er den Turbolift.

 

Suval dachte sich indes, dass Home das Spiel mit der Macht versuchte, die er als Arzt ihr gegenüber hatte, aber auf dieses Spiel verstand sie sich auch - dafür war sie zu lange Captain und hatte zu viel diplomatische Erfahrung. Sie wusste aber auch, dass ein nicht unerhebliches Risiko bestand, das sie hier in diesem speziellen Spiel den Kürzeren zog - zumindest hatte Homes Ansage ihr dies verdeutlicht - trotz Posten, Rang und Erfahrung. Also hatte sie beschlossen, so zu agieren, dass sie das bestmögliche Ergebnis erzielte - indem sie in die Offensive ging, die Kontrolle behielt.

 

In der Zwischenzeit hatte Home sein Ziel erreicht und wartete einen Moment, bevor er die Türklingel betätigte. Eine Spur von Unsicherheit und auch Angst machte sich in ihm breit - die Unsicherheit, die ihn seit Jahren begleitete. Dann schlug er zwei Mal mit seinem Stock auf den Boden auf, um die bösen Geister zu vertreiben und betätigte dann die Türklingel.

„Kommen Sie rein“, kam es von drin. Suval saß mit dem Rücken zur Tür.

Als Home das Quartier betrat und Suval von hinten auf dem Sessel sitzen sah, kam ihm blitzschnell der Gedanke: ‚Ein schöner Rücken kann auch entzücken.‘

„Der Sandmann ist da“, meinte er aber schließlich.

Suval atmete kurz durch, bevor sie antwortete. „Ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt.“

„Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ Langsam hinkte Home an Suval vorbei.

„Keine gesunde Einstellung, wenn ich meinem behandelnden Arzt glauben darf...“

„Alles Quacksalber“, entgegnete er und grinste dabei.

„Setzen Sie sich doch bitte“, meinte Suval und deutete zur Couch.

„Danke.“

Die Gastgeberin wartete, bis er Platz genommen hatte, während er sich behäbig setzte und ein wenig vor sich hin schnüffelte.

„Vulkanischer Tee?“

Suval nickte darauf antwortend. „Möchten Sie auch einen?“

„Gerne, aber bitte mit etwas mehr Kamero-Gewürz.“

Die Kommandantin nickte abermals, erhob sich, ging zum Replikator, orderte wie gewünscht und kehrte mit einer dampfenden Tasse zurück, die sie vor Home auf den Tisch stellte.

„Ich weiß, dass es auf alten englischen Wasserschiffen Brauch war, dass der Captain mit seinen Offizieren Tee trinkt ... aber ich bin kein Führungsoffizier, also was kann ich für Sie tun? Schlafprobleme?“ Und er nickte dankend für die Tasse Tee.

„Nein. Ich habe ein anderes Anliegen. Und ich hoffe, Sie haben neben dem Hausbesuch nichts gegen eine Überstunde einzuwenden.“ Home öffnete seinen Mund, verkniff sich aber, was er sagen wollte und ließ Suval weitersprechen. „Also komme ich gleich zum Punkt. Sie haben mir eine psychologische Nachuntersuchung in nicht unerheblichem Maße zugewiesen - bei einem Counselor oder einem Arzt meines Vertrauens, wenn ich mich recht entsinne.“

„Einem richtigen Arzt Ihres Vertrauens, aber ja.“

„Soweit ich weiß sind Sie ein richtiger Arzt. Und als Arzt vertraue ich Ihnen.“

Home war sehr überrascht und versuchte dies so gut es ging zu verbergen, während Suval Home sehr genau beobachtete, ob eine Reaktion erkennbar war.

Der Arzt nahm daraufhin erst einmal einen Schluck Tee und verbrannte sich dabei leicht die Zunge. Dann setzte er die Tasse wieder ab.

„Um ehrlich zu sein, ich bin überrascht. Ich bin zwar, wie Sie bemerkt haben, ein hervorragender und richtiger Arzt, aber vertrauen Sie mir auch wirklich? Es geht nicht darum, dass ich bolianische Windpocken heile, sondern Sie werden zu mir ehrlich sein müssen.“

„Als Arzt vertraue ich Ihnen, ja, als Mensch... verdienen Sie es sich. Und mir ist klar, dass es hier um Ehrlichkeit geht.“ Suval machte eine kurze Pause. „Glauben Sie, ich würde Sie anlügen?“ Ihr war klar, dass er eine Lüge ohnehin enttarnen würde, darin war er immerhin Meister.

Home hielt für einen Moment inne und atmete deutlich hörbar aus. „Wenn wir schon offen miteinander reden ... ich glaube es nicht. Ich halte Sie für stur und für jemanden, der zu kontrolliert ist, um etwas von sich preiszugeben. Und aufgrund unseres bisherigen Verhältnisses wollen Sie, glaube ich, nur einen Stempel mit der Aufschrift ‚nicht verrückt und diensttauglich‘.“ Suval wölbte interessiert eine Braue und hörte aufmerksam zu. „Wenn Sie das wollen, Captain, bekommen Sie den Stempel“, setzte er fort und wurde dann leiser. „Aber es wird Ihnen nicht helfen.“

„Wenn es mir nur um den Stempel gehen würde, hätte ich mich sicher nicht an Sie gewandt, Doktor.“ Suval ging es auch ein bisschen darum, Home herauszufordern, etwas aus sich heraus zu gehen. Sie hegte Interesse daran, dass es auch ihm helfen könnte.

„Vielleicht, vielleicht aber auch nicht“, entgegnete er und zuckte mit den Schultern. „Aber gut, wenn ich merke, dass Sie es nicht ernst meinen ... ich glaube, Sie wissen es. Es liegt an Ihnen.“

Suval neigte ansatzweise und bestätigend den Kopf.

„Nur eines noch, bevor wir beginnen. Wenn Sie nie darüber ehrlich sprechen, enden Sie so wie das hübsche Gesicht Ihnen gegenüber.“

Die Rihanna überging den Hinweis mit dem hübschen Gesicht und stellte darüber etwas anderes klar. „Es wird Sie vielleicht überraschen, aber ich habe damals schon, vor neun Jahren, mit jemandem offen über das damals Erlebte gesprochen.“

„Das überrascht mich wirklich… und diese Person kann das heute nicht mehr?“

„Nein, sie ist nicht mehr an Bord.“

„Verstehe.“ Home nickte leicht und nahm noch einen weiteren Schluck Tee.

„Also...“

Der Arzt beugte sich leicht nach vorne, veränderte seine Sitzhaltung und spitzte die Ohren.

„Wo wollen wir beginnen?“ fragte Suval.

„Schließen Sie die Augen“, erwiderte Home, „und keine Angst, ich bleibe, wo ich bin“, und er grinste verschmitzt.

„Wehe wenn nicht.“ Suval zögerte anfangs noch etwas, schloss dann aber doch die Augen.

„Sie sind in der Dunkelheit des Verließes“, begann er schließlich. „Sie haben Angst, Sie wissen nicht was passiert, sie spüren die Dunkelheit, die Enge, die Beklommenheit, den Geschmack von Blut.“ Er legte eine kurze, dramatische Pause ein. „Was macht Ihnen am meisten Angst?“ Als er merkte, dass Suval zögerte, setzte er hinzu: „Nicht überlegen.“

„Keine Kontrolle zu haben“, antwortete sie schließlich.

„Warum?“ Home beobachtete Suval dabei sehr genau. Doch sie schwieg, vorerst.

„Ich bin es gewohnt, die Kontrolle zu haben.“

Home dachte sie ‚Überraschung‘, setzte aber nach: „Warum?“

„Es ist ein elementarer Bestandteil meines Lebens.“

„Glauben Sie, dass niemand anders in der Lage ist, die Kontrolle wie Sie zu haben?“

„Doch, wieso auch nicht.“

„Oder das Sie jemanden enttäuschen könnten?“

Suval öffnete daraufhin die Augen, was Home registrierte und für sich wertete.

„Es geht nicht um Enttäuschung, sondern um Verantwortung.“

„Wem gegenüber?“

„Gegenüber allen an Bord der Iowa.“

„Und was ist mit der Verantwortung sich selbst gegenüber?“

Suval runzelte dabei fragend die Stirn, während Home sich zurück lehnte und über sein schmerzendes Bein streichelte.

„Sie haben immer nur die anderen im Fokus und was ist mit Ihnen selbst? Nicht als Captain, sondern als Individuum. Auch da haben Sie Verantwortung. Gesundheit, Freizeit, Liebe, Sex - alles was dazu gehört.“

In dem Moment fragte sich Suval, worauf Home hinaus wollte.

„Die Kontrolle über alles zu behalten ist eine unlösbare Aufgabe und die Kontrolle wurde Ihnen genommen. Sie verstecken sich hinter der Verantwortung für alle.“

„Glauben Sie das ernsthaft?“ hinterfragte Suval ungläubig.

„Ja. Ich fragte Sie nach dem, wovor Sie am meisten Angst haben. Und Sie nannten das, was Sie am wenigsten angreifbar macht. Das, hinter dem Sie sich am besten verstecken können.“

„Meine Verantwortung für andere macht mich angreifbar“, widersprach die Kommandantin. „Mehr als es alles auf mich bezogene je könnte.“

„Das ist der Preis, wenn man auf dem Stuhl in der Mitte sitzt. Und hat nichts mit Ihnen zu tun, das sagt jeder Captain.“

„Weil es wahr ist. Und damit haben Sie sich Ihre Frage auch selbst beantwortet, Doktor.“

„Natürlich ist es wahr. Es geht hier aber um Sie, Suval. Das ist, als wenn ich sagen würde: Man raubt mir die Kunst zu heilen. Das ist mein Job!“ Für einen Moment wandte er den Blick ab. „Für mich war es damals das Laufen.“ Dann blickte er wieder zu Suval, die aufmerksam zuhörte. „Ich war Hochleistungssportler, Kurzstrecke, zweimaliger Akademiesieger in Folge. Jetzt schaffe ich es nicht mal mehr, schnell aufzustehen. Also bitte, verstecken Sie sich nicht hinter Floskeln.“

Suval spürte darüber einen gewissen Unmut aufkommen. „Das sind keine Floskeln, Doktor. Wenn Sie einmal auf diesem Stuhl gesessen hätten - und ich meine damit, die Verantwortung für alle an Bord übernommen, egal in welcher Situation - dann wüssten Sie, dass das nicht nur hohle Worte sind. Und das niemand, der diese Verantwortung übernimmt, sich dahinter versteckt.“

„Das meine ich nicht“, erwiderte er und nickte. „Aber Sie benutzen es als Schild. Ich fragte Sie nach da unten, in der Dunkelheit, in der Situation. Ihre Schäfchen waren alle sicher, der Wolf schlich um Sie…“

„Sie fragen, ob ich um mich selbst Angst hatte?“

„Soweit ich weiß stelle ich die Fragen“, entgegnete er und grinste wieder schelmisch.

Suval kniff daraufhin nur scharf die Augen zusammen.

„Ja, zum Beispiel… bevor Sie mich mit dem Blick töten.“

„Offen gestanden weiß ich es nicht. Ich habe keinen Gedanken daran verschwendet.“

„Und im Nachgang betrachtet?“ hinterfragte er.

„Ich kann es Ihnen nicht sagen.“

Home nickte daraufhin leicht. „Wäre ich ein Psychiater, würde ich sagen Sie sind selbstmordgefährdet, haben keine Angst vor dem Tod und sind eine Gefahr für alle. Aber zum Glück bin ich keiner. Aber ich glaube Ihnen, zumindest im Moment.“

Suval wölbte wieder nur die Brauen. „Und wenn ich Ihnen sagen würde, dass ich damit beschäftigt war, am Leben zu bleiben? Mir Gedanken darüber zu machen, wie ich mich Esden möglichst teuer verkaufen kann? Und wie ich aus dieser ganzen Misere wieder heraus komme?“

„Dann nähern wir uns dem Kern. Hätten Sie das nicht getan bräuchten Sie eine ganze Armada von mir oder Counselors. Aber mir geht es nicht darum, Sie bis in die Details auszufragen.“

„Das beruhigt mich“, erwiderte Suval.

„Ich weiß nur was passieren kann, wenn man nicht darüber spricht. Auch wenn es Ihnen nicht passt, Captain, wir ähneln uns in vielen Dingen. Nur bin ich der Hübschere.“ Darüber grinste Home erneut und nahm einen Schluck Tee

Und nun zeigte auch Suval den Ansatz eines Lächelns. „Aber selbst wenn man darüber spricht - man trägt es dennoch immer bei sich. Es sind Dinge, die man nie vergessen kann. Aber man kann sie...“, und ihr Lächeln wiederholte sich, während Home erwartungsvoll blickte, „... kontrollieren. Seine Ängste, seine Unsicherheiten.“

„Oder sie überspielen“, meinte er leise und blickte zu Boden. Suval merkte indes, dass er gerade sich selbst meinte.

„Es ist Ihre Entscheidung, Doktor.“

„Ja, das ist es, aber ich glaube im Moment bleibt das Buch noch geschlossen... zumindest bis Sie wieder fit sind.“ Er hob den Kopf wieder und lächelte. Suval blickte ihn dagegen aufgeschlossen an.

„Ich glaube für heute ist es genug“, meinte er und erhob sich behäbig.

Suval nickte und stand ebenfalls auf. „Ich danke Ihnen für Ihre Zeit, Doktor.“

„Gerne. Übermorgen um 15 Uhr melden Sie sich für die zweite Stunde.“ Bei diesen Worten reichte er Suval die Hand, die sie zögerlich entgegen nahm.

„Sofern es meine Zeit zulässt.“ Denn die Kommandantin entsann sich, dass morgen das Ultimatum der Tzenkethi ablief und ungewiss war, was dann geschah.

„Das war keine Bitte, Captain. Auch ich habe Verantwortung anderen gegenüber“, und er grinste wieder breit.

„Schlafen Sie gut, Doktor.“

„Sie auch, Captain.“

Daraufhin hinkte er zur Tür, wandte sich aber nochmal um, bevor er auf den Gang hinaus trat. „Für den Nachtzuschlag erwarte ich eine Beförderung. Commander wäre gut.“ Und mit einem breiten Grinsen schlüpfte er durch die Tür.

Die Rihanna ließ dies unkommentiert und dachte sich darüber nur ihren Teil.

 

 

In schöner Zusammenarbeit mit JTV entstanden. 🙂

SD 2417.202, 19:00 Uhr, VIP-Quartier, zurzeit Botschafterlounge

Talera hatte sich vor einer halben Stunde erlaubt, ihre Beine auf der bequemen Liege auszustrecken, Naarg war wieder mit seinem Zeremonialschlamm beschäftigt. Er versuchte sich seit geraumer Zeit an einer Mixtur, die besser haften blieb und nicht so herumkleckerte, wie die traditionelle Pampe, deren Verwendung in seinem Beruf eher etwas hinderlich war. Aber weil er die Traditionen würdigte, widmete er seine karg bemessene Freizeit der Suche nach einer akzeptablem Alternative: soll in ausreichendem Maße an der Kleidung haften und sich vielleicht sogar gezielt dekorativ anbringen lassen und keine Spuren auf dem Boden ziehen, auf denen Fremdlinge ausrutschen könnten. Nicht auszudenken, wenn sich ein klingonischer Botschafter bei einem Galadiner den Steiß bräche.
Jhamel versuchte inzwischen, das Protokoll zu ordnen. Sie war gut in dieser Tätigkeit, das Organisatorische lag ihr. Saubere Dokumentation aller Aktivitäten war ein sehr wichtiges Werkzeug in ihrem Metier.
Talera konnte sich also ein wenig sich selbst widmen.
‚Ach, tat das gut, einmal die Glieder zu strecken.‘ Genüsslich bewegte sie die Zehen in den weichen Strümpfen. Obwohl ihr Gesicht nach wie vor keine Regung zeigte, sah man ihm die Zufriedenheit an. Darin waren die Vulkanier wahre Meister, ohne eine Miene zu verziehen, ihre Gefühle – die sie nach wie vor haben, wer anderes glaubt, der irrt gewaltig – zu zeigen. Es erforderte nur ein gutes Auge und genaues Hinsehen. Der oberflächliche Betrachter sah nur ein steinernes Gesicht. Aber Taleras Team war exzellent aufeinander eingespielt und kannte seine Chefin sehr genau.
Die Quartiertür öffnete sich ohne Signalton, es konnte also nur Watson sein, der zurückkam. Also kein Erfordernis, die Lage zu wechseln.
Es raschelte im Vorraum, als der Attaché seine Jacke ablegte.
„Guten Abend, Talera“, grüßte er und nickte seiner Chefin zu. Er zog sich einen der bequemen Leichtbausessel an die Liege und begann zu sprechen.
„ … und Captain Suval wurde aus der Krankenstation entlassen und dürfte bereits wieder in ihrem Quartier sein“ beendete er seine Rede
„Sind das jetzt offizielle Informationen, die eine Reaktion erfordern, oder ist das wieder aus Ihrer unerschöpflichen Quelle, dieses Menschendings, wie hieß das nochmal … Waldpost?“
Watson lachte und auch das Gesicht der Botschafterin zeigte verhaltenes Amüsement. Natürlich wusste sie genau, was sie meinte. Und das wusste auch Watson, als er die Botschafterin korrigierte.
„Das nennt man Buschfunk, Talera. Warum auch immer das so heißt, es wäre vielleicht ein lohnendes Forschungsthema. Der Ursprung liegt mit Sicherheit tief in der Geschichte verborgen.“
Er kicherte belustigt vor sich hin.
„Aber es ist hin und wieder ein sehr zuverlässiges Informationsmedium.“
„Ich gehe davon aus, dass sich Captain Suval bald bei mir melden wird. Es hat sich am Status quo einiges geändert, das nun besprochen werden muss. Die Tzenkethi haben es nicht wortlos hingenommen, dass die Kommandantin der Iowa ihrem Zugriff entzogen wurde. Auf welche Weise das geschah, hat sie wie erwartet, nicht interessiert. Es ist überhaupt ein schweres Arbeiten mit den Vertretern dieser Spezies und ich befürchte, dass wir letztendlich kein akzeptables Ergebnis werden vorweisen können. Ich werde mich vorbereiten, John. Diese Mission läuft alles andere als ideal.“
Dr. Watson stimmte seiner Chefin zu. „Ja, so ist es Talera. Aber wir müssen alles geben und versuchen, das Beste daraus zu machen.“
„Das Beste für wen?“ fragte die Botschafterin und fixierte ihren Mitarbeiter.
„Primär das Beste für alle Beteiligten, so sieht es unsere Aufgabe vor. Wenn sich das nicht realisieren lässt … Sie wissen, wem unser Diensteid gilt.“
Talera nickte nur und Watson begab sich in seinen Raum.
Die Botschafterin indes, in ein bequemes Hauskleid gehüllt, raffte einen breiten Schal von der Liege und schlüpfte in ein Paar bequeme Pantoffeln. Sie beschloss, die Gelegenheit zu nutzen und machte sich auf den Weg in diplomatischer Mission, obwohl ganz und gar nicht in den Habitus ihres Berufsstands gehüllt.
Leise glitt die Tür ihres Quartiers hinter ihr zu.
Suval hat mit ihrer Annahme hinsichtlich der Tzenkethi vollkommen recht gehabt.
Sie spürte kaum das Anfahren des Turbolifts.
An Verhandlungen sind sie überhaupt nicht interessiert. Sie wollen alles andere, nur nicht das.
Noch eine Gangbiegung.
Ich hätte auf die Kommandantin mit den rihannischen Wurzeln hören sollen. Ihr Gefühl hatte sie hinsichtlich des Grunds der Einladung nicht getäuscht.
Talera stand vor dem Quartier, zögerte kurz.
Noch ist nicht alles verloren.
Ihr Finger senkte sich auf die Klingel.
Ich, Talera, gelobe Besserung und will in Zukunft genauer hinhören.
„Guten Abend, Captain Suval. Darf ich hereinkommen?“

Beteiligt: Talera, Suval

SD 2417.202, 23:40 Uhr, Quartier von Suval

Suval zog ihre Uniformjacke glatt, trat durch die Tür auf den Gang und dabei lief ihr Irini in die Arme. Überrascht von der Begegnung blickte die Rihanna die Elaurianerin an.
"Irini... Sie hier? Um diese Zeit?"
"Ich wollte nach Arrhae sehen, da ich Sie noch auf der Krankenstation wähnte. Es freut mich, Sie wieder auf den Beinen zu sehen."
Suval neigte dankbar das Haupt und betrachtete die kleine Frau aufmerksam und erwartungsvoll.
"Wenn die Frage erlaubt ist, wäre es zu so später Stunde nicht angebracht, zu schlafen?"
"Offen gestanden - ich habe den Tag über genug geschlafen. Es ist an der Zeit, wieder aktiv zu werden. Die Tzenkethi warten schließlich nicht mehr lange..." Suvals Blick verlor sich irgendwo weit hinter Irini.
"Apropos... der Buschfunk hat mir zugetragen, dass Colonel Esden tot ist... einerseits sicher kein großer Verlust, doch andererseits kann sie so ihrer gerechten Strafe nicht mehr zugeführt werden."
Während Irini diese Worte formulierte, gefror Suvals Gesichtsausdruck. Schließlich wandte sie sich zur Seite und bat die Barkeeperin wortlos in ihr Quartier - das Thema musste nicht in aller Öffentlichkeit auf dem Gang besprochen werden. Dafür war es zu delikat, zu persönlich.
Irini folgte der Aufforderung und kaum hatte sich die Tür hinter den beiden Frauen geschlossen, strich Arrhae der kleinen Frau um die Beine. Irini hob die Katze hoch und begann sie zu streicheln, als wolle sie sich vor dem Kommenden abschirmen.
"Der Buschfunk funktioniert wie eh und je tadellos. Und Ihre Einschätzung hinsichtlich Esden teile ich."
Suval schritt zu dem breiten Panoramafenster und blickte nach draußen auf den Planeten, während Irini die Katze weiter kraulte.
"Darf ich fragen, wie es geschah?" Die Rihanna schwieg daraufhin einige Zeit, ehe sie tief durchatmete. Es zu wissen, war eine Sache, es auszusprechen - zuzugeben - nochmal eine andere.
"Es war Notwehr."
"Notwehr?" hinterfragte die Elaurianerin. Daraufhin wandte sich Suval um und funkelte ihr Gegenüber aus dunklen Augen an. "Ich denke, das erfordert eine genauere Erklärung. Oder..." Unausgesprochen bot die Elaurianerin den üblichen - wortlosen - Weg an, doch die Rihanna versetzte gegenwärtig etwas anderes in Aufruhr. Irini hatte ihr gerade einen Mord unterstellt - aber gut, woher auch sollte sie wissen, was auf Tzenkethi Prime geschehen war. Und die Vergangenheit, die Suval und Esden miteinander verband, würde sicherlich vieles rechtfertigen. Noch einmal atmete sie tief durch und versuchte ihre Gefühle zu bändigen. Schließlich berichtete sie kurz von den Ereignissen...

Nachdem das letzte Wort verklungen war, herrschte für einige Zeit Stille zwischen den beiden Frauen, bevor Irini sich wieder gefasst an die Kommandantin wandte.
"Fühlen Sie jetzt Genugtuung?" fragte sie vorsichtig.
"Genugtuung?" Suvals Stimme war leise, kaum mehr als ein Flüstern, als sie einen Schritt näher trat. Zorn spiegelte sich in ihren Augen, aber auch Trauer und Angst. "Nein, Genugtuung empfinde ich nicht. Aber ich werde weder bedauern, was geschehen ist, noch Reue darüber empfinden. Ich weiß nur, dass durch diese Frau niemand mehr leiden wird müssen."
"Es werden andere kommen, die das tun. Und egal, was Sie jetzt empfinden - Genugtuung, Befriedigung, Erleichterung - Sie werden das Geschehene ewig mit sich herum tragen und es wird sicher auch die Zeit kommen, da Sie es in Frage stellen. Und in dem Moment müssen Sie sich Ihrer Überzeugung absolut sicher sein, dass Sie das Richtige getan haben."
Wieder trat für einen Moment Schweigen zwischen ihnen ein, nur untermalt durch das stete Schnurren der Katze, während Suval sich langsam wieder fasste.
"Ob ich das Richtige getan habe oder nicht, ist irrelevant", beschied sie mit ruhiger Stimme, "es ist vorbei und ich kann es nicht mehr rückgängig machen. Ich will es auch gar nicht."
"Es gibt immer einen der anfängt, das Leid in die Welt zu tragen. Und es muss immer einer bereit sein, das Sinnen nach Rache zurück zu stecken, dem Leid ein Ende zu setzen, den Kreislauf zu durchbrechen - damit wieder Frieden herrschen kann", meinte die Elaurianerin, „notfalls auch um den Preis der eigenen Seele.“
"Vielleicht ist einfach noch nicht die Zeit für Frieden." Suval wandte sich wieder ab und blickte aus dem Fenster. "Vielleicht wollen die Tzenkethi auch keinen Frieden... Vielleicht verdienen sie ihn auch gar nicht." Über diese Worte erweckte die Rihanna einen verbitterten Eindruck.
"Ich fürchte, es steht uns nicht zu, zu entscheiden, wer was verdient. Aber manchen, die keine Hilfe wollen, ist vielleicht auch nicht zu helfen." Mit diesen Worten versuchte die Elaurianerin Suvals Empfindungen abzumildern, zu beschwichtigen. „Es gilt beizeiten zu erkennen, wann Bemühungen vergeblich sind und unter Verschwendung von Lebenszeit  nur ins Leere laufen, und als Konsequenz sich danach anderen, lohnenderen Zielen zuzuwenden.“
Dieses Gespräch beanspruchte für sich die Eigenart, in Intervallen, von kurzen Pausen der Ruhe unterbrochen, geführt zu werden. Diese kurzen Ruhepausen verhalfen den Gedanken zur Sammlung und Konzentration auf das Wesentliche.
„Wann immer Sie Unterstützung brauchen, wie sie auch aussehen mag, Fvienn, Sie wissen, dass Sie auf mich zählen können.“
Irini nickte Suval zu, die immer noch hinunter auf den Planeten starrte, als schaute sie in das offene Tor zur Hölle, setzte Arrhae auf die Liege und schlüpfte aus dem Quartier der Kommandantin, ohne eine Antwort abzuwarten. Sie hatte jetzt das Bedürfnis, ihre Gedanken sortieren und ihre mentale Fokussierung zentrieren zu müssen. Da half am besten eine Tasse vulkanischer Kräutertee.

Mit freundlicher Unterstützung durch Chateya
Beteiligt: Suval

SD 2417.203, 07:00 Uhr, USS Iowa, Büro des Sicherheitschefs

 

Es war ein guter Morgen für Mancuso, denn beim Frühstück blieb ihm der aggressiv machende Anblick von Home erspart. Er konnte in Ruhe seinen Kaffee trinken und seinen Bagel essen, ohne in diese Gesichtsruine schauen zu müssen. Der gestrige Abend bestärkte Mancuso in seinen Glauben, dass er diesem Quacksalber bei nächster Gelegenheit humorlos und mit äußerster Brutalität die Quittung präsentieren würde.

Eigentlich wollte er diese traurige Gestalt nicht an sich heranlassen, aber Home war wie ein Steinchen im Schuh – nervend, im unpassenden Moment auftauchend und man konnte ohne größere Verrenkungen nichts Effektives gegen ihn tun. Sicher, man konnte mit den Zehen wackeln und hoffen, dass das Steinchen irgendwo hin rutschte, wo man es nicht mehr bemerkte, aber man wusste – es! war! da!

 

Um sich auf andere Gedanken zu bringen, und nebenbei seine Dienstpflichten zu erfüllen, verbunkerte Mancuso sich in seinem Büro. Die Tür war verriegelt, das Licht gedämpft.

„Computer, zeige das Inhaltsverzeichnis des Tzenkethi-Datenträgers“ befahl er.

Auf den ersten Blick kam wenig Überraschendes zum Vorschein. Natürlich jede Menge Videodateien, fein säuberlich sortiert nach einem unbekannten und wahrscheinlich sinnlosen Kodierungsmuster. Weiterhin gab es einige Logdateien, die auf Fehlfunktionen hinwiesen; Speicherfehler, Schreibfehler, abgelaufene Wartungsintervalle und Totalausfälle von Kameras.

„Computer, scanne die Dateien. Wie lang sind die Videoaufzeichnungen?“ – „Eintausendsiebenhundertunddrei Stunden.“ – „Wie viele verschiedene Kameras?“ – „Neunundvierzig.“ – „Eleminiere alle Aufzeichnungen von Außenbereichen, Korridoren, leeren Räumen und alles ohne Personen.“ – „Prozess läuft, bitte warten!“

 

Das würde eine Weile dauern, aber das war es wert. Solche stupiden Aufgaben konnte der Computer problemlos erledigen. Doch wenn es darum ging, die Handlungen von Personen auszuwerten und zu beurteilen, fehlte ihm einfach die menschliche Komponente. Die Fähigkeit, Sarkasmus zu verstehen, Körpersprache zu deuten, im kleinen Zucken des Augenwinkels mehr zu sehen als einen zufälligen Spasmus.

Während er wartete, ließ der Chief seine Gedanken kreisen und die Entführung des Captains Revue passieren. Es gab Ungereimtheiten, die waren offensichtlich. Darüber hatten sie schon lange debattiert. Andere, vielleicht wichtigere Indizien, versteckten sich in der Tiefe.

Zum Beispiel war es ein großer, irritierender Fakt, wie aggressiv die Tzenkethi auftraten. Es war schon verwunderlich, warum Klingonen und Romulaner die unverschämten Forderungen nicht mit einer Salve Torpedos in den Regierungspalast beantworteten. Es grenzte an Selbstmord, jenen gegenüber so aufzutreten. Aber wahrscheinlich waren beide überrascht und fasziniert, dass es sie interessierte, was als nächstes kommen würde, vergleichbar mit dem Interesse eines Ameisenbärs gegenüber einer Ameisendelegation, die gerade Schadenersatz für die Verwüstungen im Hügel forderten.

Schlussfolgerung: Die Tzenkethi hatten noch nicht alles auf den Tisch gelegt. Hatten sie einen neuen Verbündeten gefunden, der Stark – und Willens – genug war, sich mit drei Großmächten anzulegen? War ihnen wissenschaftlich-technisch etwas gelungen, was ihnen einen Vorteil gab? Neue Waffen, neue Energiequellen, Superdupertranswarp, Unverwundbarkeit und Unsterblichkeit?

 

Andererseits waren da noch die „kleinen Indizien“, die sich hinter den viel größeren verstecken wollten.

Colonel Esden zum Beispiel: eine gescheiterte Existenz, verbannt, verflucht, vergessen. Und doch gelingt es ihr binnen Minuten, das Kronjuwel aus der Beute der Regierung zu schnappen und damit zu verschwinden.

Mancuso trommelte mit dem Zeigefinger auf dem Tisch. Das stank. Entweder hatte Esden richtig gute Kontakte in die Regierung gehabt, die sie jahrelang nicht genutzt hat, um sich aus der Scheiße zu ziehen. Aber das ergab keinen Sinn. Denn dann hätte sie eher den Umsturz versuchen können. Niemand ist freiwillig fast ewig auf der Flucht, immer in der Gefahr des plötzlichen Ablebens, der permanenten Demütigung, wenn er anders haben könnte. Wer in den Regierungspalast gelangen kann, eine Hochsicherheitszelle geöffnet bekommt, mit einer Gefangenen verschwindet und sich dann in einen Bunker versteckt, sollte doch auf die Idee kommen, stattdessen das Schlafzimmer des Häuptlings aufzusuchen und einen Regimewechsel zu initiieren.

Die andere Erklärung entmystifizierte Esden. Die geniale Strategin war gar keine, sondern sie war eine nützliche Idiotin. Irgendjemand innerhalb des Systems, der Regierung, der Verwaltung fragt sich, wie man ein Problem lösen kann, ohne am Ende der offensichtliche Täter und damit der Dumme zu sein. Man spricht jemanden „als Freund“ an, der schon lange stigmatisiert ist, bietet Hoffnung, wo keine mehr ist. Und Esden klebt am Honig fest, sozusagen. Bereit, geschlachtet zu werden.

Natürlich – Beweise für diese Überlegungen wären schön.

„Dateien analysiert. Daten stehen bereit“, meldete sich der Computer.

„Ausgezeichnet. Als hättest Du ein Talent für das Dramatische.“ – „Anfrage nicht verstanden.“ – „Schon gut. Zeige mir die Aufzeichnungen vom Verhör des Captains durch Esden.“

 

Es gelang Mancuso unter Anwendung der gesamten professionellen Distanz seine Gefühle auszuschalten. Ein mieses Schwein folterte jemanden, der die gleiche Uniform wie er selbst trug. Wäre Esden nicht schon tot…

Er rief sich innerlich zur Ordnung. Auch wenn Suval verhältnismäßig klein und weiblich war, durften die in ihm schlummernden, evolutionär bedingten Schutzinstinkte nicht die Oberhand gewinnen. So körperlich klein der Captain war – so eine gemeine, hinterhältige und grausame Kämpferin war sie. Dieser Gedanke ließ  in kurz lächeln. Leider – für Suval – fiel das Tranchieren Esdens aus. Das hätte ihr vermutlich mehr geholfen als das permanente Gelaber der Psychospinner – allen voran Homes Geschwätz.

„Computer, stopp!“

 

Die Aufzeichnung fror ein. Man sah Suval, bewusstlos, blutend, zusammengesunken liegen. Von Esden sah man nur noch die Rückseite beim Verlassen der Zelle. Doch vor der Tür hatte etwas Mancusos Aufmerksamkeit geweckt. Es war verschwommen, unscharf, nicht klar zu erkennen.

„Computer, gibt es zu diesem Zeitindex Bilder von anderen Kameras?“ – „Positiv.“

Er atmete tief durch. „Auch eine Aufzeichnung der Kamera aus dem Gang vor der Zelle?“ – „Positiv.“

„Beide Aufzeichnungen synchron abspielen. Eine Minute zurück, dann beginnen.“

 

Das Bild der Kamera aus dem Gang war schlecht. Diese Kamera hatte ihr Wartungsintervall überschritten. Dazu kam, dass sich Suvals Zelle etwa dreißig Meter entfernt von der Kamera in einem schlecht beleuchteten Gang befand.

Aber man konnte deutlich sehen, wie Suval bewusstlos wurde, Esden den Raum verließ und mit jemanden sprach. Es war deutlich, dass Esden keine Befehle erteilte, etwa Suval zu versorgen und für eine neue Runde fit zu bekommen. Es war deutlich, dass sie selbst Befehle erhielt.

Von einer Person in dunkler, gedeckter Kleidung. Größer als Esden. Und klug. Das Gesicht war leider nicht zu erkennen.

„Mancuso an Momoa.“ – „Chief, ich habe Freiwache und frühstücke. Womit wollen Sie mir den Tag verderben?“ – „Tut mir leid, Sir. Nicht über den Kanal. Kommen Sie runter in mein Büro.“ – „Welchen Teil von Freiwache haben Sie nicht verstanden?“ – „Wenn die Scheiße sich meterhoch stapelt, gibt es keine Freiwachen. Vielleicht sollten Sie auch die Botschafterin mitbringen.“

Offenbar hielt Momoa den Kommunikator zu. Denn zwei gedämpfte Stimmen waren zu hören. Es war schwer zu verstehen, aber es klang wie „…er nervt und hat kein Benehmen, aber wenn es um sowas geht, kann man sich auf sein Urteil verlassen…“ und „…schönen Tag noch…“

 

„Bin in zwei Minuten bei Ihnen, Chief. Ende.“

 

 

Beteiligte Charaktere: Home, Suval, Momoa, Talera

 

"Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, mit Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeidrucken, die wir hassen." - Tyler Durden (Fight Club)
SD 2407.203, 00:30 Uhr, USS Iowa, Suvals Quartier
 
Noch eine Weile blickte Suval aus dem Fenster und beobachtete, was sich ihr darbot.
Die beiden anderen Schiffe kreisten wie die Iowa immer noch im Orbit um Tzenkethi Prime - eine Konstellation, die ohne die Worte des Kanzlers vor anderthalb Tagen tatsächlich der Vorbote einer neuen Zeit hätte sein können. Eine Zeit des Aufbruchs der Tzenkethi, begleitet durch wirtschaftlichen Aufschwung und der Möglichkeit, die Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen. Ein Neubeginn, der vielleicht sogar in der Lage hätte sein können, die über Jahrhunderte schwierige Nachbarschaft der eingeladenen Großmächte - immer wieder unterbrochen von brüchiger Kooperation oder erbittertem Krieg - mit einem gemeinsamen und lohnenswerten Ziel zu stabilisieren.
Wenn da nicht diese Rechnung wäre, die die vorsichtige Hoffnung Einzelner auf ein gutes Ende so jäh zerstört hatte...
 
Suval hatte diese Hoffnung nicht gehabt. Ihr Gefühl in Aussicht auf das Kommende hatte sie zu Beginn nicht getrogen und je mehr Zeit sie seit dem Abflug von Aldebaran hatte, über alles nachzudenken, umso deutlicher wurde ihr, dass sie in den Tzenkethi nichts Positives mehr finden konnte - und wollte. Aus ihrer Sicht war das Volk als Ganzes gescheitert, egal wie viel Mühe es sich gab, sozialen oder kulturellen Fortschritt vorzugaukeln. 
Irini gegenüber hatte sie sich dahingehend klar ausgedrückt und gesagt, was sie dachte - abseits des Protokolls und dessen, was sie ihrer Uniform nach eigentlich denken sollte. Ihrer persönlichen Meinung nach verdienten die Tzenkethi, die immerfort die helfende Hand beiseite stießen, diese Hilfe nicht mehr. Zu viel war dafür schon sinnlos geopfert worden - Ressourcen, Ideale, Leben. Und für einen Augenblick fragte sich Suval, inwieweit sich ihre Ansicht wohl von der Garoks oder Arrhaes unterscheiden würde - zwei Personen, die zumindest in einem gewissen Rahmen stereotype Vertreter ihres Volkes und gleichzeitig eines weitgehend homogenen Reiches waren. Die spontane Antwort gefiel ihr keineswegs und sie verspürte darüber Zorn in sich aufsteigen - Zorn, der sich auch gegen sie selbst richtete und der ihr neuerlich bewies, dass sie ihre negativen Emotionen, die sie Esden gegenüber schonungslos und in aller Mannigfaltigkeit offenbart hatte, nur mit viel Mühe beherrschen konnte. 
Energisch wandte sie sich von dem Fenster ab, atmete tief durch und verließ schließlich ihr Quartier, wie sie es vor einer knappen Stunde schon vorgehabt hatte.
Auf ihrem Weg den Gang entlang bemerkte sie, wie ruhig es an Bord war. Ließ man außer Acht, dass sich das Schiff nach wie vor in erhöhter Alarmbereitschaft befand, konnte man den Eindruck erhalten, alles sei in Ordnung in der kleinen Welt namens Iowa. Suval wollte es sich bereits mit der Ruhe vor dem sprichwörtlichen Sturm erklären, als ihr zwei Besatzungsmitglieder entgegen kamen, das Gespräch unterbrachen und ihr mit einem ehrlichen und erleichtert wirkenden Lächeln auf den Lippen zunickten. Sie erwiderte den Gruß und setzte ihren Weg fort, fragte sich aber währenddessen, wie die Mannschaft auf die Ereignisse der vergangenen zwei Tage reagiert hatte. Denn von der latenten Unruhe zwischen ihrer Festnahme und ihrer Rückkehr an Bord hatte sie bisher nichts erfahren.
Am Turbolift angekommen stieg sie in die bereitstehende Kabine und lehnte sich an die Wand, als sich die Tür schloss.
Eine allgemeine Erschöpfung machte sich bemerkbar. Sicherlich wäre es klüger gewesen, nach all den Strapazen ins Bett zu gehen und sich auszuruhen. Doch sie verspürte das Bedürfnis, sich nicht noch mehr in den Strudel ihrer eigenen Gedanken zu vertiefen und stattdessen etwas Produktives zu unternehmen.
'Das ist genau das, was Home meinte', konstatierte sie, resigniert darüber, dass er recht hatte, und entsann sich des Gesprächs mit ihm einige Stunden zuvor...
 
Er hatte indirekt das Thema Familie angesprochen.
Unter ihren Führungsoffizieren hatten lediglich Momoa und Lorek eine solche. Zwar wies auch Medeba einen Nachkommen auf, inwieweit diese Vater-Sohn-Beziehung aber der Bezeichnung Familie entsprach, darüber war sich der Sulamide vermutlich selbst nicht im Klaren. Und auch innerhalb der restlichen Crew rangierte dieses Thema anscheinend nicht unter den obersten Prioritäten. Warum also sollte das Ansinnen, die Pflichterfüllung an erste Stelle zu setzen, bei ihr so anders sein als bei ihren Untergebenen?
Zumal sie bereits fast dreißig Jahre verheiratet gewesen war. Aber seit geraumer Zeit war sie das nicht mehr und hatte damit auch niemanden mehr in ihrem Leben, der sich ihrer privaten Sorgen und Nöte annahm oder mit ihr das Bett teilte. Ein Umstand, den sie bisher nicht wirklich vermisst hatte, über den sie aber auch lange nicht nachgedacht hatte.
Bis Home es angesprochen hatte... wobei ihr im Nachgang der Inhalt des Gesagten gegenüber der Art dessen nur sekundär erschien. Der Arzt, der seit seinem Dienstantritt auf der Iowa nichts unversucht ließ, seine Kollegen und Vorgesetzten gegen sich aufzubringen, war ihr in dem Gespräch ungewohnt zurückhaltend - fast verunsichert - vorgekommen. Dies unterstrich ihre These, dass sein übliches Verhalten hauptsächlich ein Schutzmechanismus war.
'Lass alle anderen glauben, du seist der letzte Arsch und keiner ist mehr an dem interessiert, was hinter der Maske steckt - einschließlich man selbst, weil es einen ständig aus dem Gleichgewicht bringt.' Das Problem war nur, wenn man zu lange eine Maske trägt, wird sie irgendwann zum eigenen Gesicht und das ursprüngliche geht verloren.
'Und dann beginnt man, es zu kultivieren.'
In diesem Moment ging ihr auf, dass Home hinsichtlich seiner diagnostischen Brillanz sich selbst nicht aussparte - anders als man hätte denken können besaß er eine ausgezeichnete Selbsterkenntnis. 'Aber er geht die nächsten Schritte nicht', resümierte sie, wobei ihr wieder seine Unsicherheit ihr gegenüber einfiel.
"Bitte nennen Sie Ihr Ziel!" schnarrte die Computerstimme in die Stille der Liftkabine und riss Suval aus ihren Gedanken, so dass sie sich kurz orientieren musste.
"Brücke!" wies sie an, woraufhin sich der Lift kaum merklich in Bewegung setzte. Und sie nahm sich ob ihrer Unkonzentriertheit vor, doch nur kurz den allgemeinen Status der Iowa zu eruieren, bevor sie sich der offensichtlich notwendigen Nachtruhe hingab.
 
SD 2417, 203, 00:45 Uhr, Brücke der Iowa
 
Als sie ihre Brücke zum ersten Mal seit fast zwei Tagen betrat fühlte es sich ein bisschen wie nach Hause kommen an. Die Gesichter der vier anwesenden Offiziere blickten sie erst überrascht und dann in verschiedenen Nuancen erfreut an - es hatte wohl niemand um diese Uhrzeit mit ihrem Auftauchen hier gerechnet. Varella strahlte sie bis über beide Ohren hinaus an, Bretano und Oliphant zeigten sich etwas gedeckter und Medeba, der sich auf den Stuhl in der Mitte gefaltet hatte, wechselte seine Körperfarbe in ein sattes Violett.
"Captain", eröffnete er als diensthabender Offizier und begann sich aus dem Stuhl zu schälen, was Suval jedoch mit einer Geste unterband.
"Behalten Sie Platz, Commander. Ich bin nur kurz hier, um mich auf den neuesten Stand zu bringen."
Ein Nicken erfolgte, doch die Konzentration des Sulamiden auf seine Vorgesetzte ließ nicht nach.
"Es freut uns, Sie wieder auf den Beinen zu sehen, Ma'am", meinte er schließlich, was sie mit einem verhaltenen Lächeln und einem "danke" quittierte.
Dann setzten alle ihre zuvor unterbrochene Tätigkeit fort und Suval begab sich in den hinteren Teil der Brücke.
 
Sie wollte die Korrespondenz ihres Ersten Offiziers mit dem Oberkommando sichten und ob es dahingehend neue Nachrichten gab.
Einerseits hatte das Oberkommando eine Intervention genehmigt, um Suval zu befreien – allerdings erst, nachdem bekannt geworden war, dass sie sich nicht mehr im Gewahrsam der Regierung der Tzenkethi befand und von dort, mutmaßlich unter Gewaltanwendung, entführt worden war. Die Diplomaten knirschten zwar heftig mit den Zähnen, mussten aber letztlich kleinlaut zugeben, dass trotz des in Ansätzen vielleicht noch nachvollziehbaren Haftbefehls diese Eskalation der ohnehin angespannten Situation nicht rechtens sein konnte.
Andererseits hatte das Oberkommando, um diesem Randproblem bezüglich des auf der Iowa zu Tode gekommenen Tzenkethi vor sieben Jahren zu begegnen, sämtliche Sensorlogbücher und Aufzeichnungen von Vernehmungen der Beteiligten, die im Zuge der Ermittlung um den Vorfall zusammengetragen worden waren, von der Geheimhaltung befreit, so dass sie den Tzenkethi zur Verfügung gestellt werden konnten, um die Vorwürfe zu entkräften. Erwartungsgemäß hatte sich die Regierung nach Zustellung dieser Unterlagen nicht gemeldet – man durfte unterstellen, dass sie bockig waren, weil dieser Teil der Geschichte nicht nach ihren Regeln lief.
Das Sternenflottenkommando hatte nämlich im Nachgang der damaligen Mission festgestellt, dass die Besatzung der Iowa zwar Fehler gemacht hatte, auch dass zeitweise fahrlässig gehandelt worden war, was entsprechende disziplinarrechtliche Konsequenzen nach sich gezogen hatte. Doch es war zu keiner Straftat gekommen, die außerhalb des Verantwortungsbereichs der Sternenflotte zu verfolgen gewesen wäre. Weshalb der Fall als abgeschlossen bei den Akten gelandet war.
 
Die Botschafterin war logischerweise ebenso über diesen Vorfall informiert worden, um in Ansätzen zu wissen, worum es bei diesem Vorwurf ging. Immerhin konnte dieser Aspekt eine gewisse Rolle im Verlauf des weiteren Kontakts mit den Tzenkethi spielen - auch wenn es kaum mehr möglich war, die Lage weiter zuzuspitzen. Doch etwas anderes hatte Talera nur Stunden zuvor an Suvals Tür klingeln lassen…
 
knapp 6 Stunden früher
 
Suval hatte, noch während sie in Meditationshaltung auf dem Boden saß, den unerwarteten Gast herein gebeten und sich überrascht Talera gegenüber gesehen.
„Frau Botschafterin…“, etwas steif erhob sich die Kommandantin, wirkte angestrengt und aufgewühlt auf die Vulkanierin. „Bitte“, bat sie ihren Gast schließlich herein.
Suval nahm zur Kenntnis, dass ihr Gegenüber offensichtlich nur in semi-offizieller Funktion hier war – Talera trug wie sie selbst nur zivil. Was nicht bedeutete, dass sich der Stand beider Frauen in dieser privaten Atmosphäre zueinander änderte, der vorsichtig formuliert von unterkühlter Distanz geprägt war.
„Wie geht es Ihnen, Captain?“
„Ich bin diensttauglich – alles andere ist nicht von Belang“, erklärte Suval reserviert und brachte deutlich zum Ausdruck, dass sie eine Diskussion über Details nicht wünschte. Aus ihrer Sicht würde Talera ohnehin schon mehr Informationen von der Krankenstation erhalten haben, als ihr lieb sein konnte. Die Botschafterin akzeptierte dieses Anliegen kommentarlos.
"Dann macht es Ihnen sicher nichts aus, mich über die Ereignisse auf dem Planeten zu informieren", erwiderte Talera schließlich ohne Umschweife, vulkanisch direkt eben. "Immerhin ist davon auszugehen, dass sich der Tod Colonel Esdens und weiterer Tzenkethi in dem Bunker auf die Verhandlungen auswirken werden."
Suval war das kurze Zögern vor dem Wort 'Verhandlungen' aufgefallen. Sie nahm an, dass die Botschafterin den Begriff in Ermangelung eines besseren als Variable benutzte, und verzichtete deshalb darauf, sie zu korrigieren, Stattdessen bot sie ihrem Gast wortlos einen Platz auf der Couch an und erzählte - sachlich, nüchtern, emotionslos und unter Aussparung von einigen Details.
Und Talera hörte zu, nickte ab und an, hielt sich aber mit wertenden Kommentaren zurück. Insgesamt dauerte die Unterhaltung nicht lang, es genügte jedoch, um die negative Meinung über die Tzenkethi, die einige Crewmitglieder bereits recht deutlich zur Schau getragen hatten, auch für Talera nachvollziehbar zu untermauern.
Danach verabschiedete sich die Botschafterin wieder - und Suval verfasste das der Vulkanierin eben Mitgeteilte mit fast denselben Worten in einem Bericht an das Oberkommando.
 
SD 2417.203, 01:02 Uhr, Brücke der USS Iowa
 
Es gab bisher keine Reaktion ihrer Vorgesetzten auf das Geschriebene. Aber sie konnte nicht einschätzen, warum dem so war, und so schloss sie die Kommunikationsdatenbank wieder, atmete tief durch und lehnte sich auf die zentrale Konsole.
"Mister Oliphant, Mister Bretano...", umgehend unterbrachen beide ihre Tätigkeit und begaben sich in den hinteren Teil der Brücke, wo sie auf einen Wink Suvals hin ebenfalls an der Konsole Platz nahmen. "Angesichts aller Ihnen vorliegenden Daten - frühere Missionsberichte, nachrichtendienstliche Meldungen aus den vergangenen Jahren der Isolation, Informationen unserer Sonden...", die Kommandantin nahm zu Recht an, dass sich die beiden seit dem Start der Iowa mit allem zur Verfügung stehenden Material auseinandergesetzt hatten. "Was wird aus Ihrer Sicht wohl passieren, wenn die Föderation nicht auf die Forderung der Tzenkethi nach Reparationszahlungen eingeht?"

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